Österreich
„Täter statt Opfer geschützt“
Von Wolfgang Sablatnig
Wien – Der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn zitiert das Lukas-Evangelium, um den Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema „sexueller Missbrauch“ zu umschreiben: „Es ist unvermeidlich, dass Ärgernisse kommen. Aber wehe dem, der sie verschuldet. Es wäre besser für ihn, man würde ihn mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer werfen, als dass er einen von diesen Kleinen zum Bösen verführt.“ Angesichts der Missbrauchsskandale in Deutschland und Irland waren auch Schönborn und die österreichischen Bischöfe bei ihrer Frühjahrstagung diese Woche nicht an der Frage des sexuellen Missbrauchs vorbeigekommen.
Zahlen zur Größenordnung des Problems in Österreich fehlen. Zuletzt war davon die Rede, dass im Vorjahr 17 Verdachtsfälle aufgetaucht seien. Erst im Februar ist in Niederösterreich ein Priester von der für ihn zuständigen Diözese Wien wegen des Besitzes und der Weitergabe von Kinderpornografie von seinen Ämtern enthoben worden. In der Steiermark hat ein verjährter Missbrauchsfall – Täter war ein bereits verstorbener Pater – vor zwei Wochen für Aufsehen gesorgt. Eine umfassende Statistik liegt bisher aber nicht vor.
Eine derartige Aufstellung könnte aber kommen, heißt es in der Erzdiözese Wien. Zum Abschluss der Frühjahrstagung versprach Schönborn gestern einen neuen Umgang mit dem oft tabuisierten Thema. Bis Juni soll eine von den Bischöfen eingesetzte Arbeitsgruppe neue Leitlinien ausarbeiten. Die Grundsätze dafür stehen schon fest.
Erstens sollen für alle Diözesen einheitliche Regeln gelten. Vorbild dafür soll Wien sein. Schon bisher gibt es in allen Bistümern Ombudsstellen für Missbrauchsopfer – mit unterschiedlichen Vorgaben und Regeln allerdings.
Zweitens sollen sich die Ombudsstellen vernetzen und zusammenarbeiten.
Drittens sollen die Männer- und Frauenorden in die Arbeit der Ombudsstellen eingebunden werden. Das ist bisher – der kirchlichen Struktur folgend – nicht der Fall.
Und viertens versprechen die Oberhirten die Förderung der Bewusstseinsbildung bei ihren Mitarbeitern.
In die Vergangenheit blickt Schönborn selbstkritisch zurück. Verdachtsfälle seien „allzu oft verschwiegen“ worden: „Leider wurden zu Unrecht in der Vergangenheit in der Kirche die Täter oft mehr geschützt als die Opfer.“
Schönborn verwies aber auch darauf, dass mit dem Fall seines Vorgängers Hans Hermann Groer im Jahr 1995 ein Umdenken begonnen habe. Nur „Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit“ könnten Wunden heilen. Daher lade die Kirche auch alle Missbrauchsopfer ein, sich an die Ombudsstellen zu wenden, wo sie in einem „geschützten und vertraulichen Rahmen“ über ihre Erfahrungen sprechen könnten. Ebenso fordere die Bischofskonferenz Täter auf, sich zu melden. Schönborn wehrte sich aber auch gegen „Pauschalverdächtigungen“.
Aufmerksam verfolgt hat die Ausführungen des Kardinals auch Hans Peter Hurka, der Vorsitzende der Plattform „Wir sind Kirche“. Er anerkenne die Bemühungen, sagte er zur TT. Die Frage sei aber, ob sie ausreichten. Denn der Missbrauch könne nicht auf Einzelfälle reduziert werden, sondern habe seinen Ursprung auch in der hierarchischen Struktur der Kirche.



