Österreich
„Resignation statt Revolution“
Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen
Innsbruck, Wien – Die Beteuerungen zur Umkehr hört sie wohl, doch allein ihr fehlt der Glaube. Martha Heizer, stellvertretende Vorsitzende der Plattform „Wir sind Kirche“ fühlt sich an die Märztage vor 15 Jahren erinnert. Damals erschütterte der Fall des Wiener Erzbischofs Hans Hermann Groer die Kirche. Ein ehemaliger Schüler erhob schwere Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs. Nach dem langen Schweigen der Kirche initiierte die Plattform das Kirchenvolksbegehren für eine Kirchenreform. 505.000 Österreicher unterstützten es.
Könnte jetzt, nachdem immer mehr Missbrauchsfälle die Kirche erschüttern, erneut ein breiter Aufschrei des Kirchenvolks erfolgen? „Nein“, sagt Heizer. Im Gegenteil: Sie befürchtet, dass sich noch mehr Menschen von der offiziellen Institution abwenden. „Die Menschen fühlen sich in ihrer Kritik bestätigt, weil sich in den vergangenen Jahren nichts geändert hat. Viele Katholiken ziehen sich zurück, für ihren Glauben benötigen sie die Kirche nicht mehr.“
Heizer spürt eine flächendeckende Resignation in der Basis, „aber Gott sei Dank gibt es noch engagierte Laien und Pfarrer“. Trotzdem: Dass jetzt brechende Dämme eine tiefgreifende Reform ermöglichen, daran glaubt sie nicht. „Es wird keine Revolution geben.“ Vielmehr würden die Verantwortlichen die Situation aussitzen und danach zur Tagesordnung übergehen. Daran änderten auch die dramatischen Appelle und Bitten um Vergebung der Kirchenspitzen nichts. Heizer: „Sie versuchen, den Schaden zu begrenzen, werden aber sicher so weitertun wie bisher. Dabei übersieht die Kirchenführung, dass sich immer mehr Menschen abwenden. Letztlich droht der katholischen Kirche ein Sektendasein.“
Sie fordert, dass die autoritären Strukturen endlich aufgebrochen werden und den Priestern endlich die Lebensform freigestellt wird. Laut Heizer benötige es auch ein offenes Gesprächsklima. „Aber es fehlt an Persönlichkeiten, die diese Reformen umsetzen.“ Und im Gegesatz zu 1995 sei „Wir sind Kirche“ nicht in der Lage, neuerlich einen breiten Protest zu initiieren. „Nicht weil wir zu schwach sind, sondern weil die Menschen keinen Sinn mehr darin sehen. Sie bezweifeln, dass sich irgendetwas in der Kirche ändert.“
Eine „echte Umkehr“ in der Kirche hat am Donnerstag Kardinal Christoph Schönborn eingefordert. Die Kirche werde an Glaubwürdigkeit gewinnen, wenn sie durch den Prozess der Läuterung gehe, so der Wiener Erzbischof laut Kathpress in seinem Eröffnungsimpuls zur Zweiten Wiener Diözesanversammlung am Donnerstagnachmittag im Wiener Stephansdom. Nur das „schmerzliche Gedenken an die Leiden der Opfer“ werde die Kirche läutern und reinigen, sagte der Wiener Erzbischof: „Dann kann es zu einer echten Umkehr in der Kirche führen, in unserem Leben.“ (pn, APA)



