17.04.2010

Vorschau

Zwischen Freak-Show und Besserungsanstalt

„Deutschland sucht den Superstar“ geht ins Finale: Medienwissenschafter Alexander Kissler analysiert den „megahammergeilen“ Kosmos von Dieter Bohlen.

Von Christiane Fasching

Innsbruck – Menowin Fröhlich war im Gefängnis. Er hat drei Kinder mit seiner Cousine, eine Mutter mit Drogenvergangenheit und ein elendslanges Vorstrafenregister. Mehrzad Marashi heiratet demnächst. Sein Bruder ist bei einem Verkehrsunfall gestorben, zuletzt lebte er von Hartz 4. Heute Nacht könnte sich das Leben von Menowin verändern. Oder das von Mehrzad. Einer der beiden wird Deutschlands neuer Superstar, die märchenhafte Karriere gibt‘s gratis dazu – wenn man RTL Glauben schenkt. Und Dieter Bohlen, dem Aushängeschild der Castingshow.

Der deutsche Medienwissenschafter Alexander Kissler rüttelt allerdings an dieser Märchenwelt. „Richtig reich geworden ist bisher kaum ein Superstar: Der Titel zählt nur im „DSDS“-Kosmos. Die Inszenierung vermittelt jedoch fatalerweise den Eindruck, hier werde ein Leben tatsächlich nachhaltig zum Guten geändert“, erklärt er im TT-Gespräch. Sagt‘s und verweist auf den 22-jährigen Menowin, gegen den es bereits mehr als 30 Gerichtsverfahren gegeben hat. Kissler: „Er wird vermutlich gewinnen, weil er als gefallener Junge mit großen Herzen erscheint. Der Sieg wäre das Siegel auf seine vorübergehend geglückte Resozialisierung.“ Und so scheint‘s, als würde der Gesang, der bei einer Talent-Show ja eigentlich im Zentrum stehen sollte, von den sozialen Dramen verdrängt. „Im Finale stehen zwei Kandidaten, die von RTL als potenzielle Stars aufgebaut wurden – mit jeder Menge Homestorys und erfundenen oder wahren Geschichten aus einem jeweils besonders schweren Leben“, bestätigt auch Kissler. Beim Publikum kommt die RTL-Taktik an. „DSDS“ schwebt im Quotenhoch – aber auch tatsächlich wegen Mehrzad, Menowin und Co.? Oder ist es Dieter Bohlen, der die Massen anlockt?

„Vor allem in den ersten Runden, als der Freak-Show-Charakter der Show noch ausgeprägter war, trug das Gossendeutsch von Dieter Bohlen die hauptsächliche Quotenlast. Nun stehen die Enthüllungsgeschichten im Vordergrund, erst dann folgen die Auftritte und Bohlens erwartbare Kritik“, glaubt Kissler. Zudem ist er überzeugt, dass die Sendung „ausschließlich mit den konkreten wirtschaftlichen Interessen eines Herrn Bohlen“ zu tun hat.

Den Kandidaten ist das egal, der Casting-Nachwuchs scheint unerschöpflich. In Kisslers Augen ist das nicht ungefährlich: „Es steht zu befürchten, dass die Glitzerwelt und die Mär vom sozialen Aufstieg ohne Bildung immer mehr junge Menschen fasziniert. Man möchte ihnen manchmal zurufen: Aufwachen, es ist eine Show. Das Leben findet woanders statt.“

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Sa, 17.04.2010
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