26.04.2010, 13:30  Aktualisiert: 15.10.2010, 10:53 

International

Merkel spielt auf Zeit, die Griechenland nicht mehr hat

Bevor Deutschland Notkredite locker macht, müsse der IWF fertig verhandeln, sagte Angela Merkel. Die fehlende Klarheit an den Märkten zieht die Griechen aber immer tiefer in die Schuldenspirale. Darunter leidet auch der Euro.
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Berlin/Luxemburg/Washington – Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Gewährung von Notkrediten an Griechenland von massiven eigenen Bemühungen des Landes abhängig gemacht. „Wir brauchen eine positive Entwicklung in Griechenland, verbunden mit weiteren Sparanstrengungen“, sagte die CDU-Vorsitzende am Montag in Berlin. Gleichzeitig mahnte sie ein geduldiges Vorgehen an.

Sie habe ausführlich mit IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn gesprochen, sagte Merkel. Dieser habe die Erwartung geäußert, dass die Verhandlungen in Athen noch mindestens bis Anfang Mai dauern. „Wir müssen bis zum Ende dieser Verhandlungen warten“, sagte Merkel. Erst dann könne das Bundeskabinett über das weitere Vorgehen und den möglichen Umfang finanzieller Hilfen entscheiden.

Auch Westerwelle gegen schnelle Hilfen

Außenminister Westerwelle hatte zuvor erklärt, dass sich die Bundesregierung bezüglich der Hilfskredite noch nicht entschieden habe. „Das heißt, dass eine Entscheidung auch in verschiedene Richtungen ausfallen kann“, sagte er am Montag in Luxemburg.

Westerwelle sagte am Rande eines EU-Außenministertreffens, wer „zu früh Geld ins Schaufenster legt, wird nur sehen, dass dann die Hausaufgaben in Griechenland nicht mit dem nötigen Fleiß und der nötigen Disziplin erledigt werden.“ Es könne nicht sein, dass „der europäische Steuerzahler selbstverständlich für das Fehlverhalten von einzelnen Ländern geradesteht“.

EU-Finanzkommissar drängt

EU-Finanzkommissar Olli Rehn hatte angedeutet, das Hilfspaket von Eurogruppe und Internationalem Währungsfonds (IWF) im Volumen von bis zu 45 Mrd. Euro könne schon bis zum kommenden Freitag auf den Weg gebracht werden.

Italiens Außenminister Franco Frattini hat unterdessen die deutsche Regierung zur Solidarität mit Griechenland aufgerufen. Frattini zeigte sich „besorgt über die starre Haltung, die Deutschland an den Tag legt“. Auch Österreichs Außenminister Michael Spindelegger setzte sich für ein schnelles Vorgehen ein.

Unsicherheit sorgt für Turbulenzen an Märkten

Den Finanzmärkten jedenfalls reichen politische Absichtserklärungen, Vertrauensbekundungen und Versprechungen nicht mehr aus. Die Anleger wollen endlich schwarz auf weiß sehen, wie viel Geld - und vor allem wann - das klamme Land von EU und IWF erhält. Solange dies nicht der Fall ist, dürfte sich die Achterbahnfahrt am Renten- und Devisenmarkt fortsetzen.

Die fehlende Klarheit machte den griechischen Staatsanleihen zum Wochenstart erneut schwer zu schaffen: Investoren waren nicht mehr bereit, für zehnjährige Papiere mehr als 80 Prozent des Nennwertes zu zahlen. Die Rendite schoss dadurch auf weit über neun Prozent in die Höhe - damit müsste Griechenland inzwischen mehr als dreimal so hohe Zinsen zahlen wie Deutschland.

Euro weiter belastet

Jede Nachricht, die auch nur den geringsten Zweifel an einer wohldosierten und rechtzeitigen Geldspritze aufkommen lassen, belasten zudem den Euro: Die Gemeinschaftswährung setzte ihre Talfahrt ebenfalls fort und notierte noch knapp über 1,33 Dollar. „Erst ein großes, umfassendes und vor allem zügiges Paket für Griechenland wird die Markterwartungen beruhigen können“, erklärte Portfolio-Manager George Hoguet von State Street Global Advisors.

Die griechische Regierung rechnet zwar damit, schon im Mai Hilfe zu erhalten. An den Märkten machen jedoch schon Sorgen die Runde, dass die in Aussicht gestellten 45 Mrd. Euro nicht ausreichen werden. „Das versprochene Rettungspaket hat den Investoren nicht das erhoffte Vertrauen einflößen können“, resümiert David Spegel von ING in New York.

Angst um andere Euro-Länder

Solange die Notversorgung des griechischen Patienten nicht endlich anschlägt, schwant vielen Marktteilnehmern zudem Böses für die anderen Sorgenkinder der Euro-Zone - vor allem Portugal, Spanien und Italien.

Bei anderen Börsianern weckt die Saga noch viel düstere Assoziationen: „Das ist so, als ob man der Titanic beim Untergang zuschauen kann“, sagt TJ Marta, Gründer der Beratungsfirma Marta on the Markets in New York. (red, APA/apn/Reuters)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Mo, 26.04.2010  13:30
aktualisiert: Fr, 15.10.2010  10:53
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