05.03.2010, 12:45  Aktualisiert: 23.08.2010, 11:08 

International

"Wir Chilenen tragen die Gefahr von Erdbeben in unseren Herzen"

Der chilenische Veterinärmediziner René Garcés, der lange in Innsbruck gelebt und gearbeitet hat, erzählt, wie der die Tage seit den Beben in seiner Heimat stadt Concepción erlebt hat.

Concepción, Innsbruck – Als die Erde zum ersten Mal bebt, liegt René Garcés noch in seinem Bett. „Plötzlich begann das Bett zu springen, die Wände fielen fast ineinander – die stärkste Welle dauerte fast 30 Sekunden“, erinnert sich der promovierte Veterinärmediziner im TT.com-Interview.

Der gebürtige Chilene, der an der Uni Wien seine Promotion gemacht und anschließend lange in Innsbruck gelebt und gearbeitet hat, weiß sofort, dass Gefahr im Verzug ist.

„Ich dachte sofort, dass es kompliziert wird und besser wäre, nach draußen auf die Straße zu gehen. Als die Intensität des Bebens nachließ, habe ich das Gebäude auch verlassen. Die Straße sah aus wie ein gewellter Teppich. Manche meiner Nachbarn, versuchten zu gehen, stürzten aber aufgrund des Bebens immer wieder hin“, lässt Garcés die Geschehnisse Revue passieren.

Erdbebenwissen schon im Schulalter

Jeder Chilene weiß – das lernt man bereits in der Schule – dass alleine diese Szenen Anzeichen dafür sind, dass das Beben stärker als 7 auf der Richterskala ist.

„Wenn man dann in der Nähe des Wassers ist, hat man ungefähr 15 Minuten, bevor die starken Wellen kommen“, erklärt der Veterinärmediziner.

Und die Wellen sind tatsächlich gekommen - Hunderte Menschen können sich nicht mehr rechtzeitig vor ihnen retten und sterben in den Fluten. Seither gibt es in Chile immer wieder Nachbeben. Das jüngste in der Nacht auf Freitag erreicht einen Stärke von 6,3 auf der Richterskala.

„Wenn man in Chile geboren wird und aufwächst, dann trägt man die Gefahr von Erdbeben in sich. Wir respektieren die Beben, aber wir versuchen, nicht vor ihnen Angst zu haben oder in Panik auszubrechen. Wir wissen, dass sich die Erde von ihrer Energie befreien muss. Wenn es länger kein Beben gibt, wird dafür das nächste umso heftiger“, erklärt Garcés.

Situation großteils unter Kontrolle

Die Situation in Concepción sei mittlerweile größtenteils unter Kontrolle. Nachdem die Regierung eine Ausgangssperre zwischen 18 Uhr und 12 Uhr des nächsten Tages verhängt haben, kontrollieren bewaffnete Soldaten, dass die Familien rechtzeitig in ihren Häusern sind. Außerdem sorgen sie auch dafür, dass es zu keiner Ungleichverteilung bei den Nahrungsmitteln kommt.

„Wir waren vier Tage ohne Licht und drei Tage ohne Telefon. Eine einzige Radiostation hat in dieser Zeit gesendet – das dafür rund um die Uhr. Die Journalisten haben die Bevölkerung dazu aufgerufen, Ruhe zu bewahren“, erzählt der Chilene.

Über die Ausgangssperren gibt es zunächst Unmut innerhalb der Bevölkerung – zu sehr werden die Chilenen dadurch an die Diktatur unter Pinochet erinnert.

Mittlerweile sind die meisten aber dankbar, denn durch die Sperren ist es möglich, Supermärkte oder Tankstellen ohne größere Zwischenfälle normal zu öffnen.

„Gut, an den Tankstellen herrschen mitunter Staus, manchmal bis zu acht Kilometer, die mich an die Staus an Samstagen im Zillertal erinnern, wenn ich vom Achensee nach Wiesing unterwegs war“, schränkt der ehemalige Wahl-Tiroler ein.

Hilfsmaßnahmen angelaufen

Beruhigt hat die Bevölkerung laut Garcés auch, dass die Hilfsmaßnahmen aus Santiago angelaufen sind. Dringend gebraucht würden allerdings Hilfsorganisationen mit Suchhunden, um die verschütteten Leichen unter den Trümmern zu bergen. „In einem Ort, wo ich mit meiner Familie öfters Weihnachten gefeiert habe, Dichato, gab es eine heftige Tsunami-Welle, bei der mehrere Menschen mitgerissen wurden und verschwanden. Dort sucht bis dato nur ein Spanier mit seinem Suchhund und er kann keine Fläche von 50 Kilometern abdecken“, hofft Garcés auf Hilfe aus dem Ausland.

Erde gibt Energie ab

Er selbst ist mittlerweile wieder in sein Appartment zurückgekehrt, wo er auch die Nächte wieder halbwegs ruhig verbringt. An der Uni, an der er unterrichtet, sind zwei der fünf Gebäude eingestürzt, darunter auch sein Forschungslabor. „Ich werde erst wissen, was von den Untersuchungen übriggeblieben ist, wenn wir die Gebäude wieder betreten dürfen“, erzählt er.

Dank der strikten Erdbeben-Bestimmungen in Chile sei eine noch schlimmere Katastrophe ausgeblieben. „Wir leben in einem Land voller Erdbeben und Tsunamis. In Tirol ist es mir oft passiert, dass ich dieses seltsame Gefühl hatte, dass die Erde bebt, obwohl alles vollkommen ruhig war. Hier in Chile sind wir dankbar für kleiner Beben und Vulkanausbrüche, die uns das Gefühl geben, sicherer zu sein. Denn die Erde muss ihre Energie abgeben.“ (rena)

Tiroler Tageszeitung, Onlineausgabe vom Fr, 05.03.2010  12:45
aktualisiert: Mo, 23.08.2010  11:08
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