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Im Spezialballon zum Nordpol
Nordpolüberquerung mit Heißluftballon
Von Maria Reisigl
Chamonix – Die klassische Arztpraxis war dem französischen Internisten Jean-Louis Étienne offenbar zu langweilig. Statt Patientengespräche zu führen, hat er sich dem großen Abenteuer verschrieben. „Ich wollte schon immer fliegen und die eisigen Gegenden ziehen mich einfach an“, sagt er mit einem Spitzbubenlächeln im Gesicht, während er sein Fluggerät mit geübten Handbewegungen startklar macht.
Fliegen allein reicht dem 63-jährigen französischen Abenteurer aber noch lange nicht. Er will weit höher hinaus und als erster Mensch mit einem Ballon im Alleingang von Spitzbergen über den Nordpol nach Alaska fahren.
Dabei ist Étienne eigentlich noch Neuling in der Ballonfahrt. Erst vor eineinhalb Jahren hat er damit angefangen. „Am Nordpol ist wenigstens nichts im Weg, wenn ich dort notlanden müsste. Da gibt es ja keine Hindernisse wie Stromleitungen oder Hochhäuser“, lacht er. Sein waghalsiges Unterfangen, bei dem er der Willkür des Wetters und des Windes ausgesetzt sein wird, hat dabei einen ernsten Hintergrund. Étienne wird auf seiner 3500 Kilometer langen Route von Norwegen nach Alaska CO2- und Magnetfeldmessungen durchführen und damit bisher einzigartiges Datenmaterial für die Forschung rund um den Klimawandel sammeln.
In den französischen Alpen in der Nähe des Wintersportortes Chamonix übt und testet er deshalb bis zu seiner Abfahrt nach Spitzbergen Ende März nicht nur das Ballonfahren, sondern vor allem auch die Messgeräte. „Hier herrschen nämlich ähnliche Bedingungen“, erklärt Étienne, der mit seiner 1,2 Millionen Euro teuren Expedition auf die globalen Umweltveränderungen aufmerksam machen will. Ein Anliegen, das auch der Generali-Versicherung am Herzen liegt. Deshalb sponsert sie die Expedition.
Bei minus 15 Grad Außentemperatur fühlt man sich auch in den französischen Alpen tatsächlich fast wie am Nordpol. Kälte macht dem Abenteurer aber absolut nichts aus. Dick eingemummt, mit Pelzkragen auf der Daunenjacke und flauschiger Fellmütze auf dem Kopf fühlt er sich sichtlich auch bei etlichen Minusgraden pudelwohl. Immerhin ist er schon 1986 als erster Mensch alleine mit einem Schlitten zum Nordpol marschiert. Über kalte Zehen kann Étienne in Chamonix jedenfalls nicht klagen. „Man muss eben schön warm angezogen sein“, sagt er, während er flink in den Korb seines Übungsballons hüpft.
So leicht wird das bei seinem echten Heliumballon, der bereits in Spitzbergen wartet, nicht gehen. Statt eines Korbes hängt an seinem Spezialballon eine kleine sechseckige Kapsel. Beim Durchmesser von zwei Metern kann Étienne nur in der Mitte stehen. Dazu kommt eine Raumtemperatur von 15 Grad. Rund 20 Tage wird er nur in dieser Kapsel verbringen. „Das ist halb so schlimm“, winkt er ab. Die meiste Zeit wird er ohnehin mit dem Steuern des Ballons beschäftigt sein. Denn nur durch die unterschiedlichen Luftströme und Winde fährt der Ballon.
Alle fünfzehn Minuten wird der Franzose seine aktuelle Position an seinen Routenplaner in Paris übermitteln: Höhe, Fahrtrichtung, Geschwindigkeit. Rund um die Uhr berechnet der Experte in Paris Étiennes Kurs. Nach sechs Stunden navigieren will sich Étienne dank des Autopiloten zwei Stunden Schlaf gönnen. Für den Fall der Fälle hat er einen Gedichtband mit im Gepäck. „Poesie liest sich einfach langsamer“, schmunzelt er. Seine Lieblingsmusik – Stücke von den Dire Straits bis Pink Floyd – hat er natürlich mit dabei.
Langweilig wird dem Abenteurer sicher nicht. Schließlich muss er auch kochen. Im Gegensatz zu Astronauten kann Étienne frische Lebensmittel mitnehmen. „Ich fahr‘ ja praktisch in einen Kühlschrank“, lacht er. Und auf einem kleinen Herd kann er sich seine Mahlzeiten zubereiten. Entsorgt wird das verdaute Essen in biologisch abbaubaren Säcken, die der Ballonfahrer aus der Kapsel werfen will.



