Skispringen
Der verlorene Blick
Von Susann Frank
Kranjska Gora – Wenn jemand Gregor Schlierenzauers Wunsch nach individuellerer Betreuung nachvollziehen kann, dann Andreas Goldberger. Der ehemalige Skisprungstar Österreichs kehrte der Mannschaft des ÖSV 1997 kurzzeitig den Rücken. Natürlich vornehmlich aufgrund seiner Kokain-Sperre und monetären Unstimmigkeiten mit dem Verband; jedoch auch, weil ihm persönlich die Trainingspläne zu wenig auf seine Person abgestimmt gewesen seien.
„Aber seither ist in vielen Dingen umgedacht worden“, sagt Goldberger, der schlussendlich nie für eine andere Nation vom Bakken ging. Ob er dann verstehen könne, dass Schlierenzauer sich anscheinend vorstellen könne, sich aus der Mannschaft auszugliedern? „Ich weiß davon nichts. Aber natürlich gibt es Für und Wider zum Mannschaftstraining.“ Das zeige das Beispiel Simon Ammanns im Vergleich mit dem ÖSV-Team. „Bei den Schweizern kann alles auf den 28-Jährigen abgestimmt werden. Dafür hat Gregor den Vorteil, immer den Vergleich mit Spitzenspringern zu haben und dadurch gepusht zu werden“, analysiert Goldberger. Damit spricht er auch das an, was Schlierenzauer im Vorfeld der Skiflug-WM in Planica (SLO) angemerkt hatte: „Simi hat einen großen Vorteil. Er ist eigentlich der Einzige in seinem Team und kann dadurch viel mehr verlangen. Er hat davon auf jeden Fall profitiert.“
Allerdings stellt Goldberger fest, dass das Training in Österreich mittlerweile viel individueller sei als noch zu seiner Zeit. Damals wurde ein Trainingsplan für alle Athleten geschrieben, egal welcher Typ es war. „Und jetzt mit den Stützpunkttrainern in Innsbruck, Salzburg und Kärnten kann dazu noch sehr individuell gearbeitet werden“, weiß der zweifache Gesamtweltcupsieger. „Da bist du daheim und kannst an deinen persönlichen Stärken oder Schwächen arbeiten.“
Sehr wohl kann Goldberger verstehen, dass im Spitzenbereich jeder Topathlet das Beste aus sich herausholen will. „Aber es kann nicht jeder seine Extrawürste machen. Und die Stärke Österreichs im Skispringen ist nun einmal, dass du so ein Team hast“, betont der Salzburger.
Das gegenseitige Anstacheln ist ein positiver Effekt. Der Austausch ein anderer. Nicht zu vergessen der Spaßfaktor, der mit den fast Gleichaltrigen und gleich Gesinnten den anstrengenden Spitzensportalltag erleichtert.
Schlierenzauers Unzufriedenheit nach dieser Saison kann Goldberger verstehen. Auch wenn sie für Außenstehende unglaublich ist. Schließlich hat der erst 20-Jährige seine vierte Weltcupsaison mit acht Siegen und als Gesamt-Zweiter mit zwei Bronzemedaillen im Einzel und einer Teamgoldenen gekrönt. „Für einen wie Schlieri, der immer gewinnen will, ist das jedoch keine Traumsaison“, weiß Goldberger. Allerdings kann er selbst aus Erfahrung sagen, dass im Spitzensport eben Wellenbewegungen in den Leistungen normal sind. „Man kann nicht immer ganz oben stehen. Man muss auch verlieren können.“ Das gelte auch für ein Ausnahmetalent wie Schlierenzauer.
Goldberger: „Es ist klar, dass er nun nach Details sucht, warum es nicht ganz so gelaufen ist, wie er wollte. Die Detailarbeit ist seine Stärke. Aber sie kann auch zur Schwäche werden. Dann, wenn du zu kopfgesteuert wirst, das Gefühl verlierst. Dann verlierst du dich und den Blick auf das Ganze.“




