Innsbruck
Zu wenig Therapiegeld für Tirols kranke Kinder
Die Gesundheit österreichischer 11- bis 13-Jähriger laut HBSC-Studie der WHO
An Schultagen sitzen SchülerInnen laut Eigenauskunft im Schnitt 2,3 Stunden täglich vor dem Fernseher. An schulfreien Tagen sind dies sogar 3,3 Stunden. Computerspiele und Spielkonsolen werden an Schultagen rund 1,4 Stunden täglich, an schulfreien Tagen sogar 2,3 Stunden täglich genutzt. Rund 19,2 % geben an, dass sie dennoch jeden Tag körperlich etwa 60 Minuten (sportlich) aktiv sind.
Ernährung. 20,8 % der SchülerInnen essen maximal einmal pro Woche Obst, 35,2 % Gemüse. Auch täglich greifen nur 30,7 % zu Obst und 16,2 % zu Gemüse. 23,7 % der SchülerInnen konsumieren hingegen täglich Süßigkeiten, 21,8 % zuckerhaltige Limonaden. Jedes zweite Kind geht mit leerem Magen ohne Frühstück in die Schule.
Psyche. 37,5 % der SchülerInnen leiden regelmäßig an psychischen Beschwerden (15-jährige Burschen: 32,4 %, 15-jährige Mädchen: 50,3 %).
Mobbing. 59,2 % der SchülerInnen waren innerhalb der letzten Monate an Bullying-Attacken beteiligt: 19,2 % als Opfer, 17,6 % als TäterInnen und 22,4 % in beiden Rollen.
Von Liane Pircher und Brigitte Warenski
Innsbruck – Schule, Hort, Hausaufgaben, Flötenstunde, Ballettkurs, alles muss unter einen Hut gebracht werden. Der Leistungsdruck beginnt bereits in der Volksschule, es bleibt kaum Zeit für freie Bewegung in der Natur und für Stunden der Entspannung in der Familie. Noch schlimmer wird es in Höheren Schulen, in denen Zehnjährige oft bis zu 40 Wochenstunden reinen Schulunterricht bewältigen müssen, Lern- und Nachhilfezeiten in den eigenen vier Wänden nicht dazugerechnet. Diese Stressspirale hat Folgen: Nicht nur Manager, sondern immer mehr Tiroler Kinder und Jugendliche sind vom hektischen Alltag überfordert, leiden unter Burn-out: „Ängste und Schlafstörungen sind u. a. Folgen dieses Schneller-höher-weiter-Prinzips“, weiß die Innsbrucker Psychologin Dagmar Deixelberger-Fritz, die Burn-out-Coaching anbietet.
Neben den psychischen Problemen sind es auch körperliche, die den Tiroler Nachwuchs belasten: Knapp zehn Prozent der sechs- bis 14-jährigen Tiroler sind zu dick, rund 6,4 Prozent gar fettsüchtig (adipös). Damit bringen knapp 12.000 Kinder in Tirol ein zu hohes Körpergewicht auf die Waage. Viele übergewichtige Kinder werden zwar in Kinderkliniken (zum Teil in einer Spezialklinik in Bayern) betreut, aber es fehlt ein flächendeckendes ambulantes Therapieangebot, heißt es seitens des Departments für Kinder- und Jugendheilkunde der Klinik Innsbruck.
All diese Faktoren führen dazu, dass bei den Krankenkassen mehr Anträge für Kinder, die in psychischer oder körperlicher Hinsicht Hilfe brauchen, gestellt werden: „Die Zahl der Kinder, die etwa wegen Wahrnehmungsstörungen eine Ergotherapie brauchen, hat deutlich zugenommen“, sagt der Direktor der Tiroler Gebietskrankenkasse (TGKK) Heinz Öhler. „Das betrifft längst nicht nur mehr Früh- und Mehrlingsgeburten aus künstlichen Befruchtungen, die am häufigsten von einem Förderbedarf betroffen sind“, ergänzt sein Stellvertreter Heinz Hollaus im TT-Gespräch. Therapeuten und Psychologen, die „auf Kassa“ arbeiten, sind aber rar gesät. Monatelange Wartezeiten sind die Regel, vieles muss auf privater Basis oder mit Selbstbehalten berappt werden. Therapien auf Rezept gibt es nur, wenn eine ärztlich diagnostizierte „krankheitswertige Ursache“ vorliegt. Im Klartext: Nicht jede Entwicklungsstörung, die für Kind, Eltern oder Lehrer ein Problem ist, wird als Krankheit eingestuft. Obwohl Bedarf für eine Therapie bestünde: „Keine Frage, dass es gut wäre, wenn betroffene Kinder früh genug aufgefangen werden könnten“, sagt Hollaus. Das sei aber nicht möglich: „Weil“, so Öhler: „Prophylaxe und Frühförderung für uns freiwillige Leistungen sind und wir haben ja nicht einmal genug Geld für Pflichtleistungen.“
Damit die TGKK im Falle „auffälliger“ Kinder früher reagieren könnte, müsste „es mehr Geld für uns geben und müsste der Gesetzgeber die Pflichtleistungen neu definieren“, so Öhler und Hollaus. Dass das Gesetz zum Leistungsauftrag der Kassen, das aus dem Jahr 1955 stammt, nicht mehr zeitgemäß ist, kritisieren TGKK-Direktoren, Psychologen und Therapeuten unisono.






