03.02.2010

Innsbruck

„Die Messlatte muss sehr hoch liegen“

Der Wissenschafter des Jahres, Rudolf Grimm, sieht Österreichs Forschungsniveau in Gefahr. Und er ortet Lücken in der Schulausbildung.
Mehr zum Thema
Infobox

Auszeichnung

Der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten verleiht seit 1994 den Titel „Wissenschafter des Jahres“ an Forscher, die sich besonders um die leicht verständliche Vermittlung ihrer Arbeit verdient machen und damit das Image der österreichischen Forschung heben.

Bisherige Preisträger aus Innsbruck: Alternsforscher Georg Wick (1994), Quantenphysiker Anton Zeilinger (1996), der damals noch in Innsbruck wirkte, und Chirurgin Hildegunde Piza (2000).

Was sagen Sie dazu, Wissenschafter des Jahres zu sein?

Rudolf Grimm: Die Auszeichnung kam völlig überraschend. Es ist mir natürlich ein Anliegen, unsere Arbeit in verdaulichen Häppchen der Allgemeinheit zu vermitteln. Doch das habe ich immer als selbstverständlich empfunden.

Welchen Stellenwert hat Wissenschaft in Österreich?

Grimm: In den 90er-Jahren vermittelte Österreich in der Wissenschaft ein eher rückständiges Bild. Dann begann ein enormer Aufholprozess. Österreich entwickelte sich prächtig und hat international nicht nur den Anschluss geschafft, sondern in einigen Bereichen eine führende Rolle übernommen. Dafür wurden wir von Kollegen im Ausland oft bewundert. Inzwischen aber frage ich mich, ob dieser Aufholprozess nicht umsonst war? Denn die Krise hat sich bei uns sehr stark ausgewirkt. Während man in anderen Ländern beschloss, besonders in die Wissenschaft zu investieren, um nach der Krise die Nase vorn zu haben, tut man in Österreich das Gegenteil. So konnte der Wissenschaftsfonds FWF – eine phantastisch funktionierende Institution mit internationalen Standards – fast ein halbes Jahr keine Projekte bewilligen. Das hat auch uns hart getroffen.

Wie hat sich das ausgewirkt?

Man musste gute Leute ziehen lassen. Und es fehlen uns die entscheidenden Mittel, um Exzellenzförderung zu machen, um Juniorgruppen aufzubauen und all diese Dinge, die einen langfristig nach vorne bringen.

Was erwarten Sie sich von der neuen Wissenschaftsministerin Beatrix Karl?

Grimm: Viele Dinge. Vor allem aber, dass sich Österreich weiterhin internationale Messlatten legt. Es geht nicht darum, lokale Interessen zu bedienen. Da wurden ja zuletzt wieder Begehrlichkeiten der Wirtschaft zugunsten der angewandten Forschung laut. Ebenso problematisch ist es, wenn die Grundlagenforschung mit der Uni-Misere in einen Topf geworfen wird. Denn gerade die Grundlagenforschung ist das, was die Universität noch hochhält und Niveau reinbringt.

Was halten Sie von den Studentenprotesten?

Grimm: Ich stimme mit vielen Forderungen überhaupt nicht überein. Manches ist einfach illusorisch und Blödsinn. Aber junge Leute haben ein sehr gutes Gespür dafür, wenn irgendetwas faul ist oder schiefläuft. Und in diesem Sinne finde ich die Proteste gut.

Was erwarten Sie sich vom Hochschuldialog?

Grimm: Es muss an den Universitäten einen Paradigmenwechsel geben. Man muss sich wieder bewusst werden, was man will. Ist die Universität eine Massenveranstaltung, wo jeder hin soll, der bei der Geburt keinen Titel verliehen kriegt und ihn sich deshalb dort holen muss? Kann das die Mission der Universität sein? Immer nur den freien Hochschulzugang als heilige Kuh hinzustellen, ist nicht das Wahre. Ebensowenig, irgendwelche Massenfächer zu bedienen und dadurch zum Teil dramatisch am Markt vorbeizuproduzieren. Ich will gewiss keine Studien, die sich am Markt orientieren, aber komplett krasse Missverhältnisse sollte man doch abstellen.

Sie sind also für Zugangsbeschränkungen?

Grimm: Ja. Wir haben auch keine andere Wahl. Wir sind nun einmal in der EU, und damit haben alle in der EU Zugang zu unseren Unis. Um nicht von Deutschland, das zehn- mal größer ist, überrannt zu werden, würden auch moderate Studiengebühren helfen. Natürlich sozial abgefedert.

Leistet die Schule genug für einen guten Nachwuchs in den Naturwissenschaften?

Grimm: Nur in wenigen Fällen. Es gibt schon einige Plätze, wo begeistert naturwissenschaftlicher Unterricht gemacht wird. Aber oft bemerkt man doch eklatante Lücken und das betrifft nicht nur die Ausbildung in Mathematik und Physik. Die heutige Generation tut sich schwer, einen zusammenhängenden Text zu verfassen. Natürlich sind die Anforderungen heute umfassender als noch zu meiner Zeit, als es nicht einmal Computer gab. Dennoch sollte man erwarten können, dass jemand mit Matura ein gewisses Maß an mündlicher und schriftlicher Ausdrucksfähigkeit hat.

Das Gespräch führte Gabriele Starck

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 03.02.2010
Vorteilszone
Partyfotos
Gewinnspiele
Parship
radio.at
Unterkunftssuche
Panoramabilder
Panoramabilder
"HEISZE TASTEN"
Panoramablick
AGB Kontakt Impressum