14.03.2010

Gemeinderatswahl 2010

„Es gibt keine Dorfkaiser mehr“

570 Tiroler rittern um einen Bürgermeistersessel. Absolute Mehrheiten sind selten geworden.
Der Bürgermeisterthron verleiht nicht mehr das Prestige wie in früheren Zeiten.Foto: Shutterstock
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Von Ch. Willim, M. Christler

Innsbruck – Hanspeter Schneider wird die heutige Gemeinderatswahlen um einiges entspannter mitverfolgen als vergangene. Sie bedeuten das Ende seiner 18-jährigen Karriere als Zirler Bürgermeister. Er kandidiert nur noch auf einem unwählbaren Platz und kann somit bald die Polit-Pension genießen. Eines wird sich auch im Ruhestand nicht ändern: „Immer wenn ich das Wort ‚Dorfkaiser‘ höre, stellt es mir die Haare auf. Die gibt es nicht mehr.“ Denn ohne absolute Mehrheit im Gemeinderat könne ein Bürgermeister alleine gar nichts durchbringen.

Über solche Mehrheitsverhältnisse durften sich nach den Wahlen 2004 tatsächlich nur 142 Orts-chefs freuen. Für die restlichen 136 hieß es, bei jeder Entscheidung im Gemeinderat Partner unter den politischen Gegnern zu gewinnen. Wie die Beschlüsse zustande kommen, dürfte die Bevölkerung jedoch wenig interessieren. „Ein Bürgermeister ist Mädchen für alles. Bei ihm beschweren sich die Leute über einen verschmutzten Gehsteig oder sie kommen, wenn sie Probleme bei der Wohnungssuche haben“, weiß Schneider aus langjähriger Erfahrung.

Womit sich ein Bürgermeister persönlich herumschlagen muss, ist letztendlich von der Größe einer Gemeinde abhängig. Während sich einwohnerstärkere einen Verwaltungsapparat leisten, bleibt in kleineren Orten mehr am Bürgermeister selbst hängen.

„Er fungiert heutzutage eher als Dorfmanager“, erkennt der Innsbrucker Politikwissenschafter Ferdinand Karlhofer einen Wandel in der Amtsauffassung. „Trotz mehr Verantwortung genießt der Bürgermeister nicht mehr das Prestige von einst.“

Ein Zuckerschlecken ist das Amt des Ortschefs jedenfalls nicht unbedingt. „Die Letztverantwortung für Entscheidungen trägt immer der Bürgermeister“, so der baldige Ex-Kommunalpolitiker Schneider. Die Vergabe von Aufträgen ist heute komplizierter als vor 30 Jahren, da sie teilweise EU-weit ausgeschrieben werden müssen. Bund und Land haben sukzessive Aufgaben auf die Ortsverwaltungen abgewälzt. Gleichzeitig wird der finanzielle Spielraum für die Kommunen immer enger – und damit die Haushaltsführung, für die ebenfalls die Bürgermeister zuständig sind, immer schwieriger.

Vor allem kleine Gemeinden hätten aus diesen Gründen oft einen Personalnotstand, erklärt der Politikwissenschafter: „Nach einem Dorfkaiser gibt es meist keinen Dorfprinzen und schon gar keine Prinzessin. Die Nachfolge ist kaum geregelt. Weil sich Personen aus der Privatwirtschaft eine Kandidatur lieber zwei Mal überlegen.“

So geschehen in Pfaffenhofen. Heinz Ladurner legte 2009 sein Bürgermeisteramt nach 21 Jahren zurück. Einen Nachfolger fand seine Partei, die SPÖ, in der Gemeinde nicht. „Ich habe oft darauf hingewiesen, niemand wollte diese Bürde auf sich nehmen.“ Drei Wahlen hat er gewonnen, zwei davon ohne Gegenkandidaten.

Er sah sein Amt als Dienst an allen Bürgern. „Sieben Tage die Woche, von früh bis spät, war ich erreichbar. Das gehörte eben dazu. Der Zeitaufwand und die Verantwortung haben in den vergangenen Jahren aber enorm zugenommen.“ Allein für die Entlohnung dürfe man das nicht machen. Das Bürgermeistergehalt – in einer Gemeinde wie Pfaffenhofen sind es knapp über 2000 Euro im Monat – „wiegt die Leistung nicht unbedingt gerecht auf“.

Umso entspannter lehnt sich Ladurner heute zurück. Zwar nicht in den Bürgermeisterstuhl, dafür in einen, der weniger Druck mit sich bringt.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom So, 14.03.2010
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