Innsbruck
Erschütternde Einblicke
Von Brigitte Warenski, Liane Pircher und Peter Nindler
Fügen, Sautens – Die Liste der Vorwürfe gegen ehemalige Patres, Nonnen und weltliche Erzieher der Bubenburg ist lang und hart: Prügel, Demütigungen und ein weltlicher Erzieher, dessen Hände als Sportmasseur dorthin wanderten, wo sie nichts zu suchen haben. Ein ehemaliger Zögling schildert der TT erschütternde Details: „Der Erzieher ordnete an, dass wir statt bisher mit Badehose nackt duschen und uns gegenseitig die Geschlechtsteile reinigen. Dabei hat er uns aus nächster Nähe zugesehen. Das war ein richtiges Ritual“, erinnert sich Erwin Aschenwald schmerzlich an die sechs Jahre (1970 bis 1976) in der Bubenburg. Da die Buben damals annahmen, dass man diesen Erzählungen keinen Glauben schenken wird, erzählten sie über diese Duschrituale in Beichten. „Plötzlich war der Erzieher halt nicht mehr da“, sagt Aschenwald.
Auch standen Demütigungsrituale und systematische Gewalt wie Faustschläge und Fußtritte an der Tagesordnung. „Ich wurde wie viele andere oft bis unter den Tisch geprügelt. Anlass dafür war ein kleiner wie etwa Schwätzen beim Essen“, erzählt Aschenwald, der erst vor Kurzem die ganze Bubenburg-Geschichte dem Büro von LR Reheis zukommen ließ und um einen Runden Tisch gebeten hat. „Der wildeste Prügelknecht war der Heimleiter. Er hat immer gesagt, dass diese Buben keine andere Sprache als Schläge verstehen. Manche haben sich vor Angst in die Hose gemacht“, so Aschenwald. „Uns schockieren vor allem die systematischen Gewaltvorwürfe, hier ist grobes Unrecht passiert. Insgesamt wurde sicherlich zu spät reagiert“, sagt Franz Tichy, der jetzige Geschäftsführer vom Seraphischen Liebeswerk, Träger der Bubenburg.
Insgesamt gibt es bis dato zwei Betroffene, die der kirchlich nahen Internatsschule in Fügen offen kein gutes Zeugnis ausstellen. Alle Vorwürfe liegen viele Jahre zurück. Dennoch: „Wir können zeitlich nichts eingrenzen, deshalb wollen wir, dass sich Betroffene melden“, sagt Franz Tichy.
In der Oberländer Gemeinde Sautens gehen indes die Wogen hoch: Bischof Manfred Scheuer hat den im Jahr 1982 dorthin versetzten Zisterzienserpriester beurlaubt. Er soll vor 30 Jahren mindestens zehn Jugendliche sexuell missbraucht haben.
Ein gemeinsames Schreiben von Pfarre und Gemeinde, wo der Ordensmann erstmals Stellung bezieht, erregt die Gemüter: „Mit tiefem Bedauern und der Bitte um ein Verzeihen muss ich euch mitteilen, dass mich der Bischof beurlaubt hat. Der Grund: sexueller Übergriff in Mehrerau. Nach einer Psychoanalyse habe ich meinen Dienst in Sautens angetreten und bin in den 28 Jahren nie mehr rückfällig geworden“, schreibt der Pater. Gemeinde und Pfarre dankten ihm für sein Engagement.
Und genau das bringt einige Sautner auf die Palme: „Keinesfalls war alles so gut. Im Gegenteil. Im Religionsunterricht hat er sich der Pfarrer richtig aufgeführt und einem Kind sogar einmal einen Taschenfeitl nachgeschmissen“, empört sich eine Mutter, die anonym bleiben möchte. Der Vorfall sei aktenkundig, der Pfarrer habe sich für den Vorfall schriftlich entschuldigen müssen. Wegen seines Verhaltens sei er auch vom Unterricht abgezogen worden.
Kein Verständnis hat die Frau dafür, dass jetzt alles irgendwie beschönigt wird. „Die Gemeinde und der Kirchenvorstand Sautens waren sehr wohl im Bilde über die Vorgehensweisen des Herrn Pfarrer. Und nun bedankt sich der Bürgermeister persönlich bei ihm. Das kann es wohl nicht sein.“ Und Beschwerden habe es auch selbstverständlich bei der Diözese gegeben. Das sei aktenkundig.
aktualisiert: Mo, 23.08.2010 11:09






