17.03.2010

Wissen

Im Riesentunnel wartet der Jackpot

Während um die Finanzierung des Brennerbasistunnels gefeilscht wird, kann sich die Innsbrucker Universität bereits die Hände reiben. Für die Wissenschaft ist das Jahrhundertprojekt schon jetzt ein Riesengewinn.
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Die längsten Tunnel

1: Der Gotthard-Basistunnel (noch in Bau) in der Schweiz gilt mit 57 km als der längste Tunnel der Welt. Zumindest so lange bis der Brennerbasistunnel gebaut wird. Der kommt zwar „nur“ auf 55 km, bindet jedoch die bestehende Umfahrung von Innsbruck ein. Diese Zulaufstrecke hinzugerechnet entsteht mit 62,5 km die längste unterirdische Tunnelverbindung der Welt.

2: Der 53,9 km lange Seikan-Tunnel verbindet die zwei japanischen Inseln Hokkaido und Honshu.

3: Der 1994 eröffnete Euro-Tunnel zwischen Frankreich und Großbritannien bringt es auf 49,9 km.

4: Mit dem Lötschberg-Basistunnel (34,5 km) hat die Schweiz noch einen Tunnel unter den Top 5.

5: Der Koralmtunnel ( 32,8 km) ist wie die anderen längsten Tunnel der Welt ein Eisenbahntunnel. Er ist das Herzstück der geplanten Koralmbahn zwischen Graz und Klagenfurt und soll bis 2016 fertig werden.

Von Christian Willim

Innsbruck – Die Eckdaten sind imposant. 55 Kilometer lang ist jede der beiden Röhren, die für den Brennerbasistunnel (BBT) zwischen Nord- und Südtirol durch den Berg getrieben werden sollen. An der Staatsgrenze, jenem Punkt mit der größten Felsüberlagerung, müsste man sich 1690 Meter nach oben arbeiten, um wieder ans Tageslicht zu gelangen. Gigantisch ist auch die Menge an Stein, die alleine aus den beiden Hauptröhren des BBT befördert werden muss. Würde man die Gesteinsbrocken auf dem Spielfeld des Tivolistadions (68 x 105 Meter) lose aufstapeln, entstünde ein Turm von 1470 Metern Höhe. Ausgehend von der Seehöhe Innsbrucks hieße das, dass man sich am obersten Punkt dieses Quaders über der Seegrube befinden würde.

Der Brennerbasistunnel verdient also zweifelsohne den Titel Jahrhundertprojekt. Für die Wissenschaft ist er ein gefundenes Fressen und lässt etwa das Herz von Matthias Türtscher, Bauingenieur und Spezialist für Tunnelbau an der Baufakultät der Uni Innsbruck, höher schlagen. „Rechnet man die Zulaufstrecke des Inntaltunnels dazu, wird der BBT mit 62,5 Kilometern der längste Tunnel der Welt.“ Bauingenieure haben und hatten bei diesem Vorhaben einiges zu tun. Denn deren Aufgabengebiet umfasst u.a. Ausschreibung und Vergabe, den Tunnelvortrieb, die Sicherung der Röhre, die Betonierung der Innenschale oder auch die Inbetriebnahme.

Bauingenieure sind es auch, die über die Art und Weise entscheiden, wie dem Berg der elendslange Hohlraum abgerungen wird. Je nach Beschaffenheit des Gesteins wird gebaggert, gesprengt oder kommen Tunnelbohrmaschinen zum Einsatz. Letztere sollen den Großteil der Löcher durch den Berg fressen. „70 bis 80 Prozent des Vortriebs werden maschinell passieren“, weiß BBT-Sprecher Simon Lochmann.

Die Prognose dessen, was die Arbeiter im Tunnel erwarten wird, kommt von einem Team rund um Rainer Brandner. „Für uns ist das Projekt ein goldener Schuss“, freut sich der Professor vom Innsbrucker Uni-Institut für Geologie. Das beschäftigt sich seit jeher mit dem Bergmassiv, durch das der BBT führen soll. „Das ist eine weltberühmte Zone“, erklärt Brandner. „Weil die Südalpen gerade an dieser Stelle stärker nach Norden hereinschieben, wird hier der europäische Untergrund nach oben gepresst.“ Diese Aktivität hinterlässt ihre Spuren im Fels, der dadurch an etlichen Stellen zerbrochen ist.

Der Brennerbasistunnel verläuft durch mehrere dieser Störungszonen. Sie sind für Tunnelbauer eine echte Herausforderung. Denn je poröser das Gestein ist, desto schwieriger ist der Vortrieb und die Abdichtung gegen eindringendes Bergwasser. „Bei Mauls in Südtirol durchfahren wir etwa die Pustertallinie, die größte Störung in den Alpen.“ Zwischen Innsbruck und dem Portal Franzensfeste warten 40 verschiedene Gesteinsformationen wie das geologische Modell von Brandner zeigt.

Um dieses Bild vom Inneren des Berges möglichst genau zeichnen zu können, wurden ihm in den vergangenen Jahren zahlreiche bis zu 1300 Meter tiefe Nadelstiche in Form von Probebohrungen versetzt. „Wir haben mittlerweile 25 Kilometer Bohrkerne gesammelt und bearbeitet. Gemeinsam mit den Probestollen liefert das einen wertvollen Tiefenaufschluss“, so Brandner. Wertvolle Daten, auf die die Innsbrucker Forscher direkt zugreifen können und die sie ohne das Tunnelprojekt wohl nie erhalten hätten.

Mehrere Probestollen werden zeigen, wie nahe an der Wirklichkeit die Geologen mit ihren Berechnungen gelegen sind. „Mit diesen Erkenntnissen hoffen wir auch die Methodik für die Erstellung von geologischen Modellen weiterentwickeln zu können“, nennt Brandner einen möglichen Gewinn, den die Forschung aus dem Bau des Brennerbasistunnels ziehen kann.

Gewinnen kann aber auch die Öffentlichkeit. Denn im Berg schlummert unter Umständen erhebliches Energiepotenzial: Gesteinswärme. Je tiefer man in Fels vordringt und je größer die Überlagerung, desto wärmer wird das Gestein. Dementsprechend warm ist auch Wasser, das durch diese Formationen fließen kann. Kommt das beim Tunnelbau zum Vorschein, muss es abgeleitet werden. Und könnte auch genützt werden. „Wir werden die jeweiligen Felstemperaturen messen und die Verteilung des Wärmepotenzials in Karten und 3D-Modellen erfassen. Bei entsprechenden Wassermengen könnten zum Beispiel im Süden Tausende Wohnungen geheizt werden.“ Wieviel Wasser aus dem Berg geleitet werden muss, werde sich aber erst zeigen.

Überlegen sollte man sich laut Brandner auch, wie die Gesteinsmassen, die aus dem Berg geholt werden, verwertet werden können. Sie könnten zum Teil etwa als Zuschlagstoffe für Beton verwendet werden. „Beim Gotthardtunnel in der Schweiz wird das Gestein so weit wie möglich wiederverwertet. Wir wollen es vorerst grob in drei Materialklassen aufteilen und deponieren es“, gibt der Geologe zu bedenken.

Zusatznutzen vom Bau des Brennerbasistunnels erhofft sich auch Walter Purrer. Den Professor vom Arbeitsbereich für Baubetrieb, Bauwirtschaft und Baumanagement der Innsbrucker Fakultät für Bauingenieurwesen interessiert dabei aber nicht nur der Faktor Berg, sondern auch der Faktor Mensch. „So eine Baustelle ist eine Arbeitsgemeinschaft von vielen zusammengewürfelten Personen, die möglichst schnell funktionieren soll. Da gibt es Reibungsverluste.“ Wie die zu vermeiden sind, soll ebenso erforscht werden, wie die verschiedenen Herangehensweisen an das Mega-Bauvorhaben in Nord und Süd. „Projekte werden in Österreich und Italien unterschiedlich abgewickelt. Wir wollen uns die Mentalitätsfrage anschauen.“

Für all diese Forschungsprojekte könne man auf die Unterstützung der BBT-Gesellschaft setzen. So dürfen wissenschaftliche Mitarbeiter etwa an Baubesprechungen teilnehmen. Kommt das Okay von der Politik, könnte übrigens noch 2010 mit den Arbeiten an den großen Hauptröhren begonnen werden. Für die Universität Innsbruck hat sich das Projekt aber jetzt schon gelohnt.

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Mi, 17.03.2010
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