Imst
Lebendige Schweine vergraben: Versuche vorerst abgebrochen
Vent – Eine Welle der Empörung geht unter Österreichs Tierschützern um: Seit Bekannt werden des kooperativen Projekts zwischen der Anästhesie der Uniklinik Innsbruck und dem Institut für Alpine Notfallmedizin Bozen laufen Tierrechtsaktivisten Sturm.
Auslöser ist der Tierversuch an 29 Schweinen, der am Dienstag im Ötztal gestartet wurde. Die Allesfresser sollen bei lebendigem Leib begraben werden, um Lawinensituationen zu simulieren.
Das genehmigte Experiment dauert zwei Wochen - pro Tag sterben zwei bis drei Schweine. Nach dem Tod der Tiere - sie werden vor dem Eingraben narkotisiert und an Messgeräte angeschlossen - werden sie wieder aus den Schneemassen ausgegraben und zerteilt.
Über Minuten oder Stunden hinweg verfolgen die Wissenschaftler den Sterbeprozess. Zur wissenschaftlichen Auswertung werden Gewebeproben herangezogen, die anderen Überreste der Schweine kommen in die Tierkörperverwertung.
„Bei dem Projekt handelt es sich um einen Folgeversuch. wir haben bereits vor 20 Jahren einen Humanversuch in der Schlick durchgeführt und forschen seither über das Überleben unter Lawinen“, rechtfertigt Herman Brugger vom Institut für Alpine Notfallmedizin die Aktion.
Tierrechtsaktivisten betrachten dies naturgemäß etwas anders: „Tierschützer aus ganz Österreich sind ins Ötztal unterwegs. Auch Mitglieder von ,Vier Pfoten‘ sind darunter. Es sind sicher Demonstrationen geplant, aber genau ins Detail gehen können wir da noch nicht, denn sonst riegelt die Polizei im Vorfeld alles ab“, erklären die Verantwortlichen des Vereins „Tierschutz aktiv Tirol“. Nikolaus Kulmer von der steirischen Tierrechtsorganisation „Tier-WeGe“ versucht seit den frühen Morgenstunden, so viele Aktivisten wie möglich zu mobilisieren. Er selbst ist ohne zu Zögern ins Auto gesprungen, als er von dem Projekt erfahren hat und will mehrere Tage im Ötztal gegen den Versuch protestieren.
„Mein erster Gedanke, als ich davon gehört habe, war: In welcher Welt leben wir eigentlich? Unser Ziel ist natürlich der sofortige Stop dieser Quälerei. Derzeit sind sehr viele Tierschützer unterwegs, und wir hoffen, dass es noch mehr werden“.
Auch unter Politiker stößt das Versuchsprojekt auf Ablehnung. „Schweine lebendig unter Schneemassen zu begraben, ist moralisch äußerst bedenklich“, stellt Tierschutzlandesrat Anton Steixner klar. „Man muss sich hier die Frage stellen, ob wissenschaftliche Erkenntnisse ein derartiges Vorgehen rechtfertigen.“
„Es ist mit nichts zu rechtfertigen, Tiere bei lebendigem Leib zu vergraben und jämmerlich erfrieren zu lassen“, ist die Grüne-Naturschutzsprecherin Maria Scheiber entsetzt über die Tierversuche in Vent und fordert deren sofortigen Abbruch. Auch im Dienste der Wissenschaft könne nicht alles erlaubt sein.
Vielen empörten Tierschützern und -liebhabern ist unbegreiflich, wie unter dem Deckmantel der Forschung derart grausame Quälereien an Tieren stattfinden können.
„Wir sind ja nicht mehr im Mittelalter. Die Schweine werden zwar narkotisiert, bevor sie eingegraben werden, aber das entspricht dann doch nicht mehr einem Menschen, der ohne Narkose von einer Lawine überrascht wird“, so „Tierschutz aktiv Tirol“.
„Die Wissenschafter sollen sich selbst eingraben, ihre Kollegen dürfen dann die Ergebnisse auswerten“, empört sich der Österreichische Tierschutzverein in einer Aussendung, der von „einem der widerwärtigsten Tierversuche, die jemals in Österreich stattfanden“ spricht. Madeleine Petrovic, Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins, kritisierte das Vorgehen als Barbarei. „Diese Versuche sind ein Schlag ins Gesicht für jeden seriösen Zugang zur Wissenschaft.“
Maria Scheiber weist außerdem darauf hin, dass sogar die Bergrettung diese Versuche an lebendigen Tieren ablehnen, „diejenigen, die in der Praxis am häufigsten mit Lawinenofpern konfrontiert sind.“
Genehmigt wurde der Versuch von der Tierethikkommission in Wien. Der Tierschutzreferent des Landes weist ausdrücklich darauf hin, dass er weder von den Tierversuchen im Ötztal, noch von den ethisch bedenklichen Methoden des Experiments in Kenntnis gesetzt wurde.
Beantragt wurde der Tierversuch von der Universitätsklinik für Anästhesie in Innsbruck, genehmigt wurde er gesetzeskonform vom Wissenschaftsministerium. „Als Tierschutzreferent des Landes Tirol bin ich über die Tierversuche im Ötztal weder informiert worden noch hat man mich nach meiner Meinung gefragt“, ist LHStv Steixner verärgert und distanziert sich von derartigen experimentellen Methoden. Dagegen spricht sich übrigens auch der Ötztal Tourismus aus, der um seine Reputation als Urlaubsland fürchtet. „Wir haben uns bereits im August 2009 dazu geäußert, dass diese Studien in Vent nicht durchgeführt werden soll. Wir waren bis zum heutigen Tag auch nicht informiert , dass man diese Untersuchungen an lebenden Schweinen nun tatsächlich im Ötztal realisiert“ nimmt Carmen Fender, Kommunikationsleiterin von Ötztal Tourismus zu den aktuellen Untersuchungsreihen in Vent Stellung.
Die Polizei in Sölden ist von den Vorgängen ebenfalls überrascht worden. Es solle einen Bescheid geben, erklärt Markus Baldauf vom Posten in Sölden, man halte derzeit aber noch Rücksprache mit den Behörden in Imst.
Über ein striktes Vorgehen gegen demonstrierende Tierschützer sei ebenfalls noch nichts konkretes in Planung, meint der Polizist.
„Ich kann die Entrüstung der Tierschützer und bis zu einem gewissen Punkt auch die Haltung der Politik verstehen“, zeigt Brugger Verständnis. „Aber es bleibt uns leider nichts anderes übrig - es gibt keine Alternative“, so der aktive Bergretter. Der Versuch am Tier würde deshalb stattfinden, um Menschenleben retten zu können. Brugger versichert außerdem, dass die Tiere von dem Versuch nichts mitbekommen. „Sie sind die ganze Zeit über narkotisiert. Ich hoffe, wir können den Versuch abschließen, denn es wäre ethisch nicht sinnvoll, das Ganze abzubrechen.“
Von Seiten der Polizei hieß es am Donnerstagnachmittag, dass die „Versuchsreihen für heute abgebrochen“ worden seien. Die Polizei beobachte die Situation, da Zusammenstöße zwischen Forschern und Tierschützern nicht ausgeschlossen seien. Ob die Versuchsreihe gänzlich abgebrochen werden müsse, sei noch unklar, aber nicht ausgeschlossen. (rena/pascal)
aktualisiert: Fr, 15.01.2010 16:49






