18.02.2010

Innsbruck

"Ich komme mir vor wie ein Bettler"

Drei Menschen, drei Schicksale – nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Alltag im Innsbrucker Sozialmarkt.
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Von Miriam Sulaiman

Innsbruck – Sie steht mit einem alten Koffer vor der Tür. Und wartet. Wartet darauf, dass der Sozialmarkt öffnet. Die 68-Jährige kommt einmal in der Woche. Etwas anderes kann sie sich nicht leisten. „Vom Geld meines Mannes lebe ich halt. Ich kriege keine Unterstützung. Die haben mich sogar blöd angeredet. Richtig blöd angeredet. Ich hätte doch arbeiten sollen. Das habe ich ja gemacht“, schüttelt die Innsbruckerin den Kopf. Nur versichert worden sei sie nie. Das hat sie nicht gewusst. „Die Politiker, die können ja alle leicht reden. Die haben ein doppeltes Gehalt. Helfen tun die doch nicht, die lachen einen nur aus. Ich muss dann zu meinem Mann, der is so schlecht beinand, dass ich nicht weiß, ob er die nächsten Stunden no lebt“, sagt sie, während ihr die Tränen kommen. Als sich die Türen öffnen, ist sie die Erste. Und sichert sich gleich Brot.

Noch weniger von den Politikern hält ein 61-jähriger Innsbrucker: „Ich habe mein Lebtag lang gearbeitet und hatte dann einen Arbeitsunfall. Nun lebe ich von 19 Euro am Tag. Gott sei Dank, trinke ich nichts mehr. Das kannst du dir sowieso abschminken.“ 590 Euro erhält er in der Notstandshilfe, die Wohnung kostet ihn 160 Euro, 59 der Strom. Wenn er alles abrechne, blieben keine 300 Euro. „Als ich einmal um Unterstützung angesucht habe, habe ich 30 Euro erhalten. Und einmal einen Essensgutschein von 10 Euro. Da kommt man sich vor wie ein Bettler“, schüttelt er den Kopf. „Ich muss schnell zum Kas, sonst krieg ich keinen mehr“, geht er weiter.

Michaela Landauer, die Geschäftsführerin des Sozialmarktes, kennt die Schicksale: „Es ist erschütternd, was man hier miterlebt. Oftmals haben die Leute kein Geld wegen bürokratischer Hürden, obwohl es eindeutige Fälle sind.“ Wie etwa bei der 25-jährigen Mutter zweier Kinder. Sie ist krebskrank, hat einen schwer behinderten Sohn und eine Tochter. Sie erhielt für zwei Monate kein Pflegegeld. Weil sie im Krankenhaus lag und so Fristen für eine Neueinstufung verpasst hat, stehe sie nun ohne Geld da. „Ich habe die Miete nicht zahlen können. Und hier habe ich angeschrieben. Ich hoffe aber, dass ich das Geld so schnell wie möglich bekomme“, erklärt sie. Gelebt hat sie von den Alimenten: 340 Euro. 515 Euro an Pflegegeld würde sie noch erhalten. Die Wohnung alleine kostet 400 Euro. Mietzinsbeihilfe erhält sie zwar, „aber für alles andere muss ich betteln gehen. Schienen kosten etwa 1300 Euro. Ein neuer Rollstuhl 4000 Euro. Da bleibt immer ein Selbstbehalt über“, sagt sie. Deshalb ist die junge Mutter froh, dass Freunde einen Charity-Event organisiert haben. Auf Unterstützung von ihren Eltern kann sie nicht hoffen. Sie hat keine mehr. Am Ende lebe sie von rund 200 Euro im Monat. Was sie sich wünschen würde, wenn sie einmal Geld hätte: „Einen Urlaub. Ich habe Flugzeuge bisher nur von außen gesehen.“

Tiroler Tageszeitung, Printausgabe vom Do, 18.02.2010
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