Stachelig bis entblößt: Ekman, Van Manen, Kylian an Wiener Staatsoper

Wien (APA) - „What does it mean?“, unterbricht eine Offstimme immer wieder das sonderbare Treiben. Mit „Cacti“ brachte das Wiener Staatsball...

Wien (APA) - „What does it mean?“, unterbricht eine Offstimme immer wieder das sonderbare Treiben. Mit „Cacti“ brachte das Wiener Staatsballett, umrahmt von „Adagio Hammerklavier“ von Hans van Manen und „Bella Figura“ von Jiri Kylian, am Samstagabend erstmals eine Choreografie von Alexander Ekman auf die Bühne der Wiener Staatsoper. Dabei stachen sich manch Stammgäste nicht allein an den Kakteen auf der Bühne.

Es ist das vielleicht Verschrobenste, was die Staatsoper in jüngster Zeit in Sachen Ballett präsentiert hat: Mit einem Ensemble aus 16 Tänzern, einem teilweise auf der Bühne platzierten Streichquartett und zu einem Themen von Schubert, Haydn und Beethoven anspielenden Orchester vom Band tut sich 30 Minuten lang so viel auf der Bühne, dass man aus dem Staunen, Wundern und sogar Lachen nicht herauskommt. Tänzer und Musiker verschmelzen in einem furiosen, rhythmischen Spiel, sind schlicht „Mitglieder eines menschlichen Orchesters“, hält die eindringliche Stimme aus dem Off fest.

Da verschwimmt dank einheitlicher loser Hosen und eng anliegender, hautfarbener Tops die Grenze von Mann und Frau, wechseln die Lichtstimmungen durch sich auf- und absenkende Scheinwerfergerüste, wirbelt Magnesium durch die Luft und wird mit einer eindrücklichen Synchronität, Energie und Lust auf und hinter unterschiedlich großen Podesten getanzt, posiert und getrommelt, der eigene Körper grotesk verformt, am Stand gelaufen, ab und an ein greller Lacher ausgestoßen. Choreografischer Höhepunkt ist ein furioses Pas de deux von Rebecca Horner und Andrey Kaydanovskiy, das von den Tänzern aus dem Off live dekonstruiert wird: „Whoooo... my hips... my ankle, did you see that??“ - „No it‘s not always about you.“

Als Kritik an der (Kunst-)Kritik hat der 1984 in Schweden geborene, aufstrebende Choreograf Alexander Ekman sein 2010 für das Nederlands Dans Theater in Den Haag kreierte Werk angelegt. Der Kaktus mutet da als Sinnbild für den immerwährenden Wunsch an, das, was man sieht, zu verstehen. So stellt die die Lage des zeitgenössischen Tanzes kommentierende Begleitstimme zwar die Frage nach der Bedeutung, ist „Cacti“ bei all der subtilen Kritik an überanalysiertem Avantgarde-Tanz aber vor allem eines: unterhaltsam, voller Überraschungen - und für manche in ihrer Sehgewohnheit verstörte Besucher ein Affront, der sie inmitten allgemeiner Begeisterung zu energischen Buhrufen für Ekman verleitete.

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Für ebenjene, könnte man meinen, wurde an diesem Abend mit van Manen und Kylian ein „sicherer“ Rahmen geschaffen. Gedehnte Zeit und federleichte Bewegungen prägen van Manens traumhaftes Beethoven-Ballett „Adagio Hammerklavier“ zum Auftakt - angelegt für drei, durch kurze Ensembleabfolgen zueinander überleitende Pas de deux. Die drei Tänzerpaare - allen voran der ungemein präsente Eno Peci mit der zarten Nina Polakova - schweben geradezu zum von Christoph Eschenbach mit enorm gedehnten Tempi eingespielten „Adagio“ aus Beethovens späterer „Hammerklaviersonate“ op.106.

Selten lassen die Paare voneinander ab, stattdessen tanzen die Frauen fast ausschließlich in den Armen der Männer, umschlingen deren nackte Oberkörper mit ihren Beinen. Sie scheinen eins miteinander, aber auch eins mit der betörenden Klaviersonate, die sie mal zum Innehalten, dann zu während der Ausführung versickernden Bewegungen verleitet. Bedächtig dann auch der Gang des großen Niederländers van Manen auf die Bühne, seinen Beifall abholend.

Nur einer fehlte: Der tschechische Choreograf Jiri Kylian, dessen „Bella Figura“ den stimmigen Abschluss markierte. 2011 erstmals vom Wiener Staatsballett aufgeführt, strahlt das zu größtenteils barocken Klängen choreografierte Werk eine Fremdartigkeit und zugleich Erotik aus. Abrupte Bewegungen, die mit der Zeit marionettenhafte Züge annehmen, wirken wie ungewollte Anfälle der neun Tänzer, die sich einander teils ohne Berühren verformen und zurechtrücken.

Mit Fortschreiten der Choreografie entblößen sie sich von der Hüfte aufwärts, die Beine in wallende, rote Röcke verhüllt, den Fokus damit auf den trainierten Torso richtend, und so - wie schon bei „Cacti“ - in der Totale die Wahrnehmung von Frau und Mann verwischend. Ein sich hebender und senkender, die schlichte Bühne von beiden Seiten immer wieder abgrenzender Vorhang, gibt dem Geschehen eine Spur Dramatik, während zum lautlosen, finalen Pas de deux schließlich auch loderndes Feuer Einzug findet.

Ein feuriges Ende für einen trotz oder gerade wegen seiner Vielfältigkeit stimmigen Abend, der einmal mehr die Bandbreite von Manuel Legris‘ Staatsballett vor Augen führt - komödiantisches und schauspielerisches Talent inklusive. „Der zweite Teil aber gehört weg“, war inmitten des begeisterten Schlussapplauses aus den vordersten Reihen abermals über „Cacti“ zu hören. „Mehr davon“, will man da entgegnen.

(S E R V I C E - Ballettabend an der Wiener Staatsoper: „Adagio Hammerklavier“, Choreografie: Hans van Manen, Musik: Ludwig van Beethoven, „Adagio aus der Sonate für Hammerklavier“ op. 106, Ausstattung: Jean-Paul Vroom, mit Olga Esina, Vladimir Shishov, Eno Peci, u.a.; „Cacti“, Choreografie, Bühne und Kostüme: Alexander Ekman, Musik: Franz Schubert, Joseph Haydn, mit Rebecca Horner, Andrey Kaydanovskiy, u.a.; „Bella Figura“, Choreografie, Bühne und Lichtkonzept: Jiri Kylian, Kostüme: Joke Visser, Licht: Tom Bevoort, Kees Tjebbles, Musik: Lukas Foss, Antonio Vivaldi, u.a., mit Alice Firence, Ketevan Papava, Davide Dato, u.a. Weitere Termine: 13. und 15. Mai, 7., 10.-12., 17. Juni, www.wiener-staatsoper.at)


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