Neue Zähne in einem alten Gebiss

Das Experiment, alle Fließer in die Erneuerung ihres Dorfzentrums aktiv einzubeziehen, ist geglückt. Das Projekt von Rainer Köberl und Daniela Kröss ist selbstbewusst neu und trotzdem unaufgeregt selbstverständlich.

Das Dorfzentrum von Fließ.
© Lukas Schaller

Von Edith Schlocker

Fließ –Bereits in der Bronzezeit wurde im heutigen Fließ gewohnt, zur Zeit der Römer führte durch das 2900-Einwoh- ner-Dorf die für den Nord-Süd-Verkehr so wichtige Via Claudia. Und an ihr stehen auch heute alle für das dörfliche Leben wichtigen Gebäude. Dieser Charakter eines Straßendorfes sollte auch nicht durch den Neubau eines neuen Dorfzentrums zerstört werden.

Ein Wort, das Rainer Köberl, der mit Daniela Kröss die architektonische Blutauffrischung in Fließ verantwortet, allerdings gar nicht mag. Wollten sie doch nichts anderes, als ambitioniert Neues in das Bestehende einzufügen. Das, indem es Rücksicht auf Maßstäbliches nimmt, Sichtbezüge aufnimmt, durchlässig ist und inhaltlich auf dörfliche Defizite reagiert, wie selbstverständlich daherkommen soll.

Vorgaben, die das vor wenigen Wochen offiziell „eingeweihte“ Projekt perfekt erfüllt. Bei dessen Entwicklung sind für Tirol ganz neue Wege gegangen worden, indem nicht – wie üblich – ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben und von einer Jury entschieden worden ist, sondern die gesamte Bevölkerung erst einmal eingeladen wurde, ihre Bedürfnisse bzw. Erwartungen an ein neues „Dorfzentrum“ zu artikulieren.

In Sachen Architektur wurden aus einem offenen Bewerbungsverfahren von einer Jury schließlich fünf Projekte ausgewählt und ihren Erfindern eine Woche Zeit gegeben, ihre Ideen auf Basis der Wünsche der Fließer zu konkretisieren. Was ihn seinen ursprünglichen Plan komplett umwerfen ließ, so Rainer Köberl, der schließlich als Sieger aus dem kleinen Wettbewerb hervorgegangen ist. Sei ihm doch klar geworden, dass die Fließer keinen großen Dorfplatz wollen, sondern einen Supermarkt, einen Jugendraum und Wohnungen für Junge und Alte. Und dass ein neues Ärzte- und Gemeindehaus entstehen sollte, war ohnehin klar.

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Das alles aufgeteilt auf drei ganz unterschiedlich strukturierte Häuser, von denen zwei direkt an der Via Claudia stehen und durch eine Stufe dem abfallenden Gelände folgen – orientiert zu zwei kleinen Plätzen hin. Einer, der praktisch so etwas wie eine Erweiterung der Straße sein soll, markiert durch einen einheitlichen Belag mit Steinplatten, ist, die Straße betreffend, allerdings noch Zukunftsmusik. Dominiert wird dieser kleine, teilweise überdachte Platz durch einen großen vom örtlichen Tischler gebauten Brunnen.

Zu diesem hin ist auch der Eingang des neuen Gemeindehauses orientiert. Dass dieses ganz aus Beton gebaut ist, sieht man ihm nicht an, ist es doch innen und außen komplett mit Holz verkleidet. Im einladend offenen Foyer ist das Bürgerservice eingerichtet, der große Sitzungssaal im ersten Geschoß öffnet sich durch große Fenster zu einem intimen „Marktplatz“, der eigentlich ein von den drei Gebäuden flankierter Hof ist, erreichbar von der Straßenebene über eine Stiege bzw. einen Lift.

Durch den Geländeunterschied wächst hier dem Gemeindehaus eine dritte Ebene hinzu, in der sich die Fließer Jugend ihre „Höhle“ eingerichtet hat. Links davon schiebt sich, von der Straße ausgehend, nach hinten der schmale, außen wie das Gemeindehaus mit vorvergrauter Lärche verkleidete Bau, in dem oben der Gemeindearzt seine Räume hat, während darunter Fließ endlich wieder einen zentralen Nahversorger hat.

Die Südseite des Marktplatzes wird durch den hohen weißen Baukörper des Wohnhauses markiert. Seine Fassaden werden durch markante vertikale Einschnitte dominiert bzw. raumhohe Fenster und Türen zu Balkonen, die wie luftige Körbe an die Mauer gehängt bzw. aus den Kanten der Architektur herausgeschnitten sind. Zum Platz hin ist das Haus gläsern offen. Hier ist ein Raum zum Feiern kleiner Feste, die sich auch auf der zum Platz orientierten großen Terrasse abspielen können.

Per Stiege oder Lift geht es in die Tiefgarage, die alles andere als eine normale ist: Ist ihr Zentrum doch ein von Cortenstahl begrenztes Areal, in dem raffiniert von oben belichtet die Reste eines rätischen Hauses zu bestaunen sind. Die schöne Idee des Architekten, hier einen Baum zu pflanzen, um symbolisch die Vergangenheit mit der Zukunft, das Tote mit dem Lebendigen zu verbinden, wurde leider nicht Wirklichkeit.


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