Seilschaften machten Uni Wien zur Antisemitismus-Hochburg

Wien (APA) - Der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 bedeutete auch für die Universitäten tiefe Einschnitte: Allein an der Un...

Wien (APA) - Der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 bedeutete auch für die Universitäten tiefe Einschnitte: Allein an der Universität Wien kam es zu einer Vertreibungswelle, die rund 250 Lehrende betraf. Die Zerstörung der wissenschaftlichen Exzellenz hatte jedoch schon sehr viel früher begonnen und war auch „antisemitisch hausgemacht“, wie Klaus Taschwer im APA-Gespräch erklärte.

In seinem demnächst im Czernin Verlag erscheinenden Buch „Hochburg des Antisemitismus. Der Niedergang der Universität Wien im 20. Jahrhundert“ setzt Wissenschaftshistoriker und „Standard“-Redakteur Taschwer bewusst auf eine Überblicksdarstellung: „Nur wenn man sich die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts im Ganzen ansieht, kann man verstehen, wie die Universität Wien von einer der besten Universitäten der Welt ins Mittelmaß absackte“, so Taschwer. Denn schon ab den frühen 1920er-Jahren hätten antisemitische Seilschaften und Professorencliquen dafür gesorgt, Karrieren jüdischer und linker Wissenschafter systematisch zu verhindern.

Dabei arbeiteten katholische und deutschnational Gesinnte durchaus zusammen. „An der philosophischen Fakultät wurden die Fäden von einem geheimen braun-schwarzen Professorennetzwerk gezogen, das unter dem Decknamen Bärenhöhle operierte“, schilderte der Wissenschaftshistoriker. Diese 18 Professoren, die politisch sowohl deutschnational als auch christlichsozial und katholischnational orientiert waren, „hintertrieben spätestens ab 1923 erfolgreich Habilitationen von Wissenschafter jüdischer Herkunft oder linker Gesinnung“.

Junge Wissenschafter wie etwa der Philosoph Karl Popper oder die Sozialpsychologin Marie Jahoda mussten entsprechend außeruniversitär arbeiten. Viele verließen die Uni Wien und das zunehmend antisemitische Klima in Österreich aber bereits lange vor 1938.

Auch heute wenig bekannte Vereine wie etwa der „Deutsche Klub“ wurden in der Zwischenkriegszeit zum Sammelbecken der braunen antisemitischen Intelligenz - in seinen Reihen fanden sich ebenfalls hochrangige Uni-Angestellte. „Die Universität Wien als Institution, repräsentiert durch ihre Führungskräfte, hat sich in der Ersten Republik gegen die oft zitierten Anfänge nicht gewehrt, sondern ganz im Gegenteil wesentlich mit dazu beigetragen, dass es zu diesem vielleicht doch aufhaltsamen Aufstieg des Nationalsozialismus in Österreich kommen konnte“, resümierte Taschwer.

Erst ab 1934 wurden im austrofaschistischen Ständestaat Maßnahmen gegen nationalsozialistische Lehrende und Studenten ergriffen - allerdings auch gegen die vielen linken Studenten und die wenigen verbliebenen linken Lehrenden. Insgesamt kam es bei den Ordinariaten schon nach 1934 zu einer Kürzung um fast ein Viertel, erklärt wurden diese Maßnahmen teils auch mit einer rigiden Sparpolitik. „Das hatte natürlich entsprechende Folgen für die wissenschaftliche Qualität, die zudem auch durch politisch motivierte Nachbesetzungen litt“, erklärte Taschwer.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wirkten die Seilschaften der Zwischenkriegszeit nach: Denn oftmals seien nach dem Ende des NS-Regimes wieder jene Professoren berufen worden, die den Aufstieg in der Zeit des Austrofaschismus schafften und daher nicht direkt mit den Nationalsozialisten in Verbindung gebracht wurden. Sie holten alte Verbündete nach - während kaum jemand daran interessiert war, vertriebene und geflüchtete Forscher nach Wien zurückzuholen.

Ein Paradebeispiel dafür ist etwa der Pädagoge, Altphilologe und Philosoph Richard Meister. Der „bestenfalls mittelmäßige und international unbedeutende Wissenschafter - aber mit allen Wassern gewaschene Hochschulbürokrat“ war bereits 1930 Dekan geworden, 1949 kehrte er als Rektor der Uni Wien zurück und wurde schließlich zwischen 1951 und 1963 Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Auch er war Mitglied der Bärenhöhle gewesen, ebenso wie der nach 1945 als Kriegsverbrecher verfolgte NS-Unterrichtsminister Oswald Menghin, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus US-Internierungslagern nach Argentinien flüchten konnte.

„Ihm verhalf Meister in den 1950er-Jahren nicht nur zu einem österreichischen Reisepass, er sorgte auch dafür, dass Menghin eine österreichische Pension erhielt und 1959 korrespondierendes Mitglied der Akademie im Ausland wurde - ein typisches Beispiel für das Nachwirken“, sagte der Wissenschaftshistoriker. Noch Jahrzehnte nach Kriegende beherrschte laut Taschwer die „bleierne, katholisch geprägte Reaktion“ die Universitäten. Erst Mitte der 1960er-Jahr kam es mit der Affäre Borodajkewycz langsam zu einem gewissen Umdenken.

„Das war sicherlich ein erster Wendepunkt in der Selbstwahrnehmung der Universität und auch in der Problematisierung des Antisemitismus“, so Taschwer. „Der ganzen Tragweite der Problematik hat man sich - wenn überhaupt - aber erst in den letzten Jahren gestellt.“

(S E R V I C E - Klaus Taschwer: „Hochburg des Antisemitismus. Der Niedergang der Universität Wien im 20. Jahrhundert“, Czernin Verlag, 312 Seiten, Euro 24,90, ISBN: 978-3-7076-0533-4)