Verloren im Rock’n’Roll-Lebensstil
Bill Pohlad erzählt in „Love & Mercy“ von der guten Laune in den Sechziger-Jahren und der Tragödie des labilen Beach Boys Brian Wilson, dessen Rolle sich Paul Dano und John Cusack teilen.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Als Lebensstil und Drogen erste Opfer unter den Popstars forderten, begann die „Siebziger-Jahre-Version des Überlebens“. Plötzlich kletterten bizarre Disco-Songs wie Gloria Gaynors „I Will Survive“ an die Spitze der Hitparaden, Eric Burdon sang „Survivor“, die Rolling Stones entdeckten den „Soul Survivor“. Die denkwürdigste Inszenierung eines Überlebenden lieferte der Beach Boy Brian Wilson, als er 1976 Journalisten nach Los Angeles fliegen ließ, um seine „Auferstehung“ bestaunen zu lassen. Dabei hatte der Musiker die vergangenen Jahre einfach im Bett verbracht, bis sein Körper auf das Gewicht von 150 Kilo aufgedunsen war. Der einflussreiche Musikjournalist Greil Marcus, kein Wilson-Fan, hat diese „Rückkehr“ in seinem Text „Alles oder nichts – Rock’n’Roll-Exitus in den 70er-Jahren“ beschrieben und darin vor allem den „sinnentleerten Überlebensbegriff“ in der Unterhaltungsbranche kritisiert, da zuvor Menschen als „Survivors“ galten, die dem Holocaust entkommen waren.
Bill Pohlad spart in seinem biografischen Film über Brian Wilson die 70er-Jahre beinahe komplett aus – einerseits, um seinen beiden Wilson-Darstellern (Paul Dano für die 60er- und John Cusack für die 80er-Jahre) die Gewichts-Tortur zu ersparen, andererseits, um von einem Leben in der Hölle zu erzählen.
Der verwirrte Streuner, der in einem Autohaus den Erwerb eines Cadillacs ankündigt, erscheint Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks) eher als Mann, der es auf die Lackierung der Luxusautos abgesehen hat, um sich für erfahrenes Unglück an der Gesellschaft zu rächen. Die Erwähnung des Namens („Ich bin Brian Wilson!“) sagt ihr auch nichts, das Misstrauen bestätigen drei Herren, die in den Autosalon stürzen, um den Flüchtigen in Gewahrsam zu nehmen. Die Situation löst sich auf friedliche Weise. Vor Zeugen verzichtet Dr. Eugene Landy (Paul Giamatti) auf drastische Maßnahmen und erlaubt seinem prominenten Patienten den Autokauf. Nicht nur wegen solcher Gunstbezeugungen hat sich Wilson in die emotionale Abhängigkeit vom berühmten Modearzt begeben, mit der Diagnose „paranoide Schizophrenie“ und der Verabreichung von Psychopharmaka ist Landy dabei, die totale Kontrolle über die Geschäfte und die labile Persönlichkeit des Musikers zu übernehmen. Wilson kann der Autoverkäuferin gerade noch die Bitte um ein Date zuraunen, bevor er in sein Luxusgefängnis, in dem ihm allerdings nur ein bescheidenes Zimmer zusteht, abgeführt wird. Zehn Jahre später ist es Melinda, die Wilsons Mutter und Brüder auf die bevorstehende Entmündigung ihres nunmehrigen Geliebten durch den kriminellen Arzt aufmerksam macht. Vor Gericht erstreitet die Familie schließlich die Aufhebung der Fehldiagnose und die Erklärung der Geschäftsfähigkeit, die Wilson sofort zur Heirat mit Melinda nutzt.
In den Rückblenden befinden sich die Beach Boys – 1966 – auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Mit den von Brian Wilson geschriebenen Titeln wie „Wouldn’t It Be Nice“ oder „Don’t Worry Baby“ haben sie den Los-Angeles-Sound definiert, „Good Vibrations“ hat gerade die Hitparaden erobert, doch Wilson ist der guten Laune überdrüssig und möchte sich, getrieben von bewusstseinserweiternden Drogen und inneren Stimmen, nur noch um ambitionierte Projekte kümmern. „Smile“ soll, inspiriert von George Gershwins „Rhapsody In Blue“ und „Rubber Soul“ von den Beatles, mit viel Harmoniegesang in die Musikgeschichte eingehen. Doch die Produktion gerät zum Desaster. Die Orchestermusiker dürfen nur in Feuerwehruniformen und mit Schutzhelm spielen, „Smile“ erscheint erst 2004. Die wahre Tragödie Brian Wilsons wird von Pohlad nur angedeutet. Es gibt zwar den von Paul Giamatti grandios gespielten Bösewicht, doch wie konnten die Familienmitglieder über Jahre den Zustand ihres Goldesels übersehen?