TT-Interview

Leo Windtner: „Blatter hat manches übersehen“

Teamchef Marcel Koller (l.) und ÖFB-Präsident Leo Windtner (r.) hatten zuletzt genügend Grund zu lachen.
© gepa/Roittner

Leo Windtner, Präsident des Österreichischen Fußballbunds, machte unlängst den Tiroler Verbandskollegen seine Aufwartung. Zeit, sich mit dem Oberösterreicher über Wacker, Nationalteam und FIFA zu unterhalten.

Der FC Wacker Innsbruck hielt sich in der Bundesliga. Freut es Sie, dass Tirol dort weiter vertreten ist?

Leo Windtner: Es wäre eine Katastrophe gewesen – und nicht nur für den Tiroler Fußball –, wenn der FC Wacker runtergegangen wäre. Wir brauchen solche Traditionsklubs, vor allem die Klubs in den Landeshauptstädten, dringend, weil damit die Attraktivität des Fußballs größere Reichweite hat.

Dass vermeintliche Dorfklubs für Furore sorgen, stellt dennoch eine Ohrfeige für Arrivierte dar.

Windtner: Man kann den Dorfklubs keinen Vorwurf machen. Sie arbeiten exzellent, sind aber in ihren Potenzialen limitiert. Es liegt an den Großen, für Strukturen zu sorgen, dass sie wieder nach oben kommen.

Österreichs Liga genießt nicht den besten Ruf.

Windtner: Natürlich gibt es immer Luft nach oben, aber ich stimme nicht ein, wenn man die Liga schlechtreden will. Im Vergleich mit der Schweiz, mit Slowenien oder Ungarn ist unsere Liga noch immer gut unterwegs. Nur: Unsere Top-Talente können nicht mehr lange genug im Lande gehalten werden, weil der Geldfluss auch den Spielerfluss bestimmt. Die Liga ist besser als ihr Ruf.

Von der Sky Go Erste Liga heißt es, man könne kaum vom Verdienst dort leben und Talente fördere sie nur bedingt.

Windtner: Wir können dort nicht zehn Klubs auf absoluter Profibasis aufbringen, derzeit gibt es auch keine Diskussion über eine Aufstockung. Regeln wie die Pflichteinsätze für Junge machen sich bezahlt, die vielen Talente in den Nachwuchs-Nationalteams geben uns Recht.

Ein Stichwort, bei dem Ihnen das Herz lachen muss.

Windtner: Auf das U20-Team (derzeit bei der WM, Anm.) sind wir sehr stolz. Der Aufstieg in das Achtelfinale bei der WM ist ein Riesenerfolg. Mit drei Nachwuchs-Nationalteams fahren wir heuer zu Großereignissen, da gibt es in Europa sonst nur Deutschland. Mit unserem Ausbildungsstandard gehören wir zur Spitze in Europa.

Und das Nationalteam fungiert als Zugpferd ...

Windtner: Das liegt nicht zuletzt an der besonnenen, sympathischen und hochprofessionellen Art des Marcel Koller, natürlich auch am vorhandenen Potenzial an Top-Spielern aus führenden Ligen. Jeder kommt mit Begeisterung zum Team, das war nicht immer der Fall.

Das klingt nach Optimismus vor dem anstehenden Russland-Spiel (EM-Qualifikation, Anm.) und einem Plädoyer für den Teamchef über 2016 hinaus.

Windtner: Ohne Sieg ist Russland de facto weg. Und wenn wir ungeschlagen heimfahren, stehen wir mit einem Fuß in Frankreich (EM-Endrunde, Anm.). Wenn das realisiert wird, werden wir uns in der Teamchef-Frage zeitgerecht Gedanken machen.

Warum fehlte Europas Fußballverband UEFA zuletzt beim skandalträchtigen FIFA-Kongress die Durchschlagskraft?

Windtner: Unsere Hauptaufgabe ist es in den nächsten Monaten, diese Lektion zu lernen, damit wir einheitlich unsere Position vertreten. Das wird nicht leicht sein, denn die Divergenzen reichen bis hin zu den politischen Blöcken. Wir müssen uns rechtzeitig auf einen Kandidaten für das Amt des FIFA-Präsidenten verständigen und Allianzen mit anderen Kontinental-Konföderationen bilden. Wir müssen die UEFA aus der Ecke der Arroganz, des Neokolonialismus herausbringen, in die man uns gerückt hat. Deshalb empfinden uns andere Konföderationen nicht als Partner.

Es hieß, Sie könnten sich den Niederländer Michael Van Praag gut als FIFA-Präsident vorstellen.

Windtner: Er wäre sicherlich eine Option und bringt durch seine zehn Jahre als Ajax-Präsident auch viel Erfahrung mit. Jetzt muss man abwarten, was Michel Platini (UEFA-Präsident, Anm.) will. Der fühlt sich in der UEFA sehr wohl. Inwieweit er das Amt des FIFA-Präsidenten noch anstrebt, ist nur von ihm zu entscheiden.

Sie gerieten mit einem Hilfsprojekt für einen kenianischen Slum in die Schlagzeilen. Ihr Einsatz für Fördergeld bei der FIFA wurde Ihnen zum Vorwurf gemacht.

Windtner: Ich sage nur so viel: Es handelt sich um ein Projekt, das von Willi Lemke (UNO-Sonderberater für Sport, Anm.) zu einem der besten weltweit erklärt wurde. Auch die UEFA, die oberösterreichische Landesregierung, Rotary International, die Beckenbauer-Stiftung oder das Sportministerium haben gefördert. Fußball ist an dieser Stätte der Aussichtslosigkeit geradezu ein Rettungsanker, die Akademie wurde zu einem Symbol der Hoffnung.

Was vermuten Sie dahinter?

Windtner: Hier wurde billig versucht, einen Zusammenhang zwischen der Wahl und der Förderung herzustellen. Die Förderung wurde im Dezember von der Finanzkommission der FIFA offiziell beschlossen. Das Ganze ist stichhaltig und sauber.

Der Unruhe liegt möglicherweise zugrunde, dass die FIFA durch zweifelhafte Leute in Verruf geriet. Kannten Sie Herren wie Warner?

Windtner: Das war eine eigene Clique, mit der ich eigentlich nie Kontakt hatte. Man wusste aber: Das sind teilweise keine unbeschriebenen Blätter.

Sie kennen Präsident Sepp Blatter. Wie denkt man rückblickend über den Schweizer, der für den tiefen Fall des Weltverbands FIFA verantwortlich gemacht wird?

Windtner: Blatter hat viel für die Globalentwicklung des Fußballs bewegt, aber er hat manches übersehen. Wenn Funktionäre in anderen Kontinenten korrupt waren, ist es nicht seine Schuld, aber auch im FIFA-Umfeld hat es nie die notwendigen kategorischen Schritte gegeben. Am Schluss kamen die Reformen zu spät. Dass der Garcia-Bericht (Untersuchungsprotokoll, Anm.) nicht veröffentlicht wurde, konnte niemand in der Fußballwelt verstehen. Damit hat die FIFA immer mehr an Glaubwürdigkeit verloren und das heutige negative Image entwickelt. Jetzt geht es um einen Neuanfang, der der FIFA jene Glaubwürdigkeit und jenen Stellenwert gibt, die sie angesichts der Weltsportart Fußball braucht.

Das Gespräch führte Florian Madl