Jeder zweite Bewohner will aus dem Gazastreifen auswandern
Ramallah (APA/AFP) - Noch nie wollten so viele Bewohner des Gazastreifens ihre Heimat verlassen. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Dienstag v...
Ramallah (APA/AFP) - Noch nie wollten so viele Bewohner des Gazastreifens ihre Heimat verlassen. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Dienstag veröffentlichte Umfrage, die das in Ramallah ansässige Meinungsforschungsinstitut PSR zusammen mit der Konrad-Adenauer-Stiftung alle drei Monate in den palästinensischen Gebieten erstellt.
„Erstmals seit wir diese Frage stellen, wollen fünfzig Prozent aller dort Befragten auswandern“, berichtete PSR-Direktor Khalil Shikaki bei der Vorstellung der Ergebnisse. Im Westjordanland komme dagegen nur für jeden vierten Bewohner eine Emigration in Frage. „Bei allen Fragen stellen wir im Gazastreifen eine enorme Frustration fest, die weitaus höher liegt als im Westjordanland“, fasste Shikaki die Resultate der zwischen dem 4. und 6. Juni erstellten Umfrage zusammen.
In beiden palästinensischen Gebieten waren dabei 1.200 Erwachsene an öffentlichen Orten interviewt worden. Die Fehlertoleranz wurde vom PSR mit drei Prozent angegeben.
Noch 59 Prozent aller befragten Palästinenser betrachten die radikal-islamische Hamas als Gewinner im Gazakrieg vom Sommer 2014, wie die Umfrage ergab. Bei Kriegsende vor neun Monaten waren dies noch 69 Prozent. Im Gazastreifen selbst halten nur 43 Prozent die Hamas für den Sieger.
Dennoch würde bei Direktwahlen des Präsidenten der Hamas-Führer Ismail Haniya im Gazastreifen mit 50 Prozent weiter die meisten Stimmen erhalten; der amtierende palästinensische Präsident Mahmoud Abbas käme dort auf 46 Prozent; im Westjordanland sprechen sich 47 Prozent für Abbas und 44 Prozent für Haniya aus. Ähnlich eng sind die Vorhersagen für Hamas und die weltliche Fatah-Partei von Abbas für den Fall von Parlamentswahlen.
Die Wahlen von Parlament und Präsident sind in den palästinensischen Gebieten seit Jahren überfällig, kommen aber wegen der tiefen Spaltung zwischen Fatah und Hamas nicht zustande. 75 Prozent aller Befragten im Gazastreifen befürworten einen sofortigen Urnengang; im Westjordanland sind es 60 Prozent. In einem bisher gescheiterten Aussöhnungsabkommen, das die rivalisierenden palästinensischen Gruppen vor 14 Monaten unterzeichnet hatten, waren Wahlen eigentlich für den Beginn dieses Jahres vereinbart worden.
Weitgehende Einigkeit besteht in beiden palästinensischen Gebieten in der Beurteilung der vor allem im Irak und in Syrien aktiven jihadistischen Organisation „Islamischer Staat“ (IS). Nur 14 Prozent der Bewohner im Gazastreifen und lediglich acht Prozent im Westjordanland halten die Salafisten für Vertreter des wahren Islam.