Nach den Unwettern in Tirol: Orte zwischen Schock und Aufbruch
Hunderte Helfer schuften im Paznaun und im Sellraintal unermüdlich an der Beseitigung der Unwetterschäden. Viele Betroffene haben das Ausmaß noch nicht realisiert, sind aber dankbar für die Hilfe.
Sellrain, See – Tag zwei nach der Unwetterkatastrophe. Nur langsam realisiert man im Sellrain und in See das Ausmaß der Zerstörung. Dazu die Ungewissheit, wie es weitergehen soll und ständig die Angst, dass in Sachen Unwetter noch etwas nachkommt.
Doch allerorten ist im Sellraintal auch so etwas wie Optimismus und Aufbruchstimmung spürbar. In die Hände spucken. Aufräumen. Auch dank großer Hilfe von vielen Seiten. Seit gestern Früh werden rund 150 Bundesheersoldaten der 6. Jägerbrigade (hochgebirgsbeweglich) an allen neuralgischen Punkten im Dorf eingesetzt, um Unmengen an Schlamm und Geröll wegzuschaffen, Keller, Häuser und Ställe auszuräumen. Zusammen mit rund 250 Feuerwehrleuten – davon allein 160 aus dem Bezirk Schwaz – und freiwilligen Helfern aus der ganzen Region seien insgesamt um die 500 Leute im Einsatz, schätzt der Sellrainer Bürgermeister Norbert Jordan. Die Zusammenarbeit aller Helfer sei „vorbildlich“, der Einsatzwille „einmalig“. Das bestätigt auch Christoph Kapferer, Mitglied der FF Sellrain, dessen direkt an der Melach gelegenes Haus schwerste Schäden davongetragen hat. „Ich habe es – zum Glück – noch gar nicht richtig verarbeitet. Aber es nützt eh nichts, man kann es nur mit Humor und Optimismus nehmen.“ Die Solidarität und Hilfsbereitschaft sei jedenfalls überwältigend: „Mein Telefon hat sechs Stunden durchgeklingelt, weil so viele Bekannte und Freunde helfen wollen.“
Die Menschen seien „äußerst dankbar“, berichtet auch Kompaniekommandant Hauptmann Markus Kirchmair: „Eine Frau ist in Tränen ausgebrochen, als unsere Soldaten eintrafen.“ Das Bundesheer sei gerade durch die „Parallelität der Einsätze voll gefordert“, erläutert Militärkommandant Herbert Bauer: Schließlich seien auch in See 100 Mann im Einsatz und weitere 20 am Wattenberg, wo es ebenfalls einen Hangrutsch gab – und das alles zusätzlich zum Bilderberg-Treffen in Telfs. Jene Soldaten, die derzeit im Sellrain im Einsatz sind, sollen am Montag durch frische Kräfte abgelöst werden. Weitere zentrale Herausforderungen im Sellrain laut BM Jordan: für Melach und Seigesbach wieder ein richtiges Bachbett schaffen und die Landesstraße L 13 wiederherstellen. Auch hier werde „mit Volldampf“ gearbeitet.
Ortswechsel. See im Paznaun. Der Schock der verheerenden Schallerbach-Mure sitzt tief. Etwas Vergleichbares habe es noch nie gegeben, stellen ältere Bewohner im Ortsteil Gries fest. Das Geschiebebecken oberhalb der Siedlung sei eindeutig zu klein und zu schwach gewesen, kritisieren Anrainer kopfschüttelnd.
Zur Mittagszeit strahlte gestern die Sonne vom Himmel, am Nachmittag regnete es abermals. Bei einigen älteren Bewohner haben die Ereignisse gesundheitliche Probleme ausgelöst. Der Arzt Artur Prem wurde gerufen. „Die Aufregungen führen manchmal zu hohem Blutdruck, mache stehen unter psychischen Belastungen“, bemerkte der Arzt.
Etwa 35 Häuser sind laut Bürgermeister Toni Mallaun „von Schäden erheblich betroffen“. Noch schlimmer: Sechs Häuer werden als abbruchreif eingestuft. „Diese Empfehlung kommt von einem Statiker. Es liegt letztlich aber an den Besitzern, ob sie ihr Haus sanieren möchten oder tatsächlich abtragen.“ Und Mallaun blickt ein wenig in die Zukunft: „Etwas wird die Gemeinde immer beisteuern müssen. Aber wir werden das schaffen.“
In der Siedlung Gries halfen gestern den ganzen Tag mehr als 150 Feuerwehrmänner aus dem Oberland und 100 Soldaten des Jägerbataillons 26 aus Tamsweg bei den Aufräumarbeiten mit Pickel, Schaufeln und Kübeln. Zudem sind Dutzende freiwillige Helfer aus nah und fern gekommen. „Die meisten haben ihre Schaufel selbst mitgebracht“, schildert einer der Hausbesitzer, bei dem die Mure in den Keller und auch in das Erdgeschoss eingedrungen war.
„Die Arbeit ist gut strukturiert, die Gebäude werden systematisch aufgeräumt“, resümiert Bezirksfeuerwehrkommandant Hermann Wolf. Zudem müssten die wesentlichen Schritte schriftlich dokumentiert werden. „Einige Probleme machen uns die Öltanks in den Kellern.“ Die Feuerwehr bleibt voraussichtlich bis zum Samstag.
Straßensperren im Sellraintal
Nach der verheerenden Unwetterkatastrophe ist die Sellraintaler Landesstraße (L13) zwischen Kematen und Sellrain in beide Fahrtrichtung nach wie vor für den privaten Fahrzeugverkehr gesperrt. Die Ortschaft Sellrain ist derzeit nur über Ötz bzw. Kühtai erreichbar.
Zudem ist die Gemeindestraße Neder zwischen Tanneben und Sellrain für alle Fahrzeuge gesperrt. Tanneben ist über Grinzens erreichbar. Auch die Oberperfer Straße (L2333) ist ab Tauegert gesperrt. Von dieser Sperre ausgenommen sind Einsatzfahrzeuge sowie Bewohner aus Sellrain, Gries und St. Siegmund. Zwischen Tauegert und Sellrain erfolgt eine Blockabfertigung, weshalb mit Behinderungen aufgrund der Aufräumarbeiten zu rechnen ist. (md, hwe, TT.com)
Spendenkonten:
SPENDENKONTO für See (Raiba Paznaun): IBAN: AT89 3624 8000 0042 5090
SPENDENKONTO für Sellrain „Hochwasser Sellrain 2015“: IBAN: AT44 3626 0000 0070 1805 BIC: RZTIAT22260
SPENDENKONTO des Landes, Kennwort „Land Tirol - Unwetterkatastrophe“ (Hypo Tirol Bank): IBAN: AT18 5700 0000 0020 0000 BIC: HYPTAT22
SPENDENKONTO Caritas Tirol, Kennwort „Unwetter Katastrophe Tirol“ (Raiffeisen Landesbank Tirol): IBAN: AT52 3600 0006 0067 0950 BIC: RZTIAT22
SPENDENKONTO Tiroler Schützen (Hypo Tirol Bank): IBAN: AT86 5700 0210 1114 4900 BIC: HYPTAT22