Anregend: Essays und Vorlesungen von Eva Menasse und Daniel Kehlmann

Wien (APA) - „Lieber aufgeregt als abgeklärt“ (so der Titel ihrer Dankesrede zum Heinrich-Böll-Preis) ist die in Berlin lebende österreichis...

Wien (APA) - „Lieber aufgeregt als abgeklärt“ (so der Titel ihrer Dankesrede zum Heinrich-Böll-Preis) ist die in Berlin lebende österreichische Autorin Eva Menasse. Dass das gut tut, nämlich ihr selbst und ihren Lesern, beweist ein Essay-Sammelband, der bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Ebenso anregend sind die Poetik-Vorlesungen, die ihr Landsmann und Kollege Daniel Kehlmann in Frankfurt gehalten hat.

Es ist ein weites Feld, das in Menasses Essay-Band beackert wird - von allgemeinen Betrachtungen aus Anlass von Preisverleihungen über direkte Kommentare zum politischen und gesellschaftlichen Zeitgeschehen bis zu literarischen Anmerkungen zu prominenten Autorinnen und Autoren wie Alice Munro, Virginia Woolf oder Richard Yates. Günter Grass wurde mit einer Geburtstagsrede bedacht, Georg Kreisler mit einer Preis- und eineinhalb Jahre später mit einer Grabrede.

„Um die Verwandtschaft zwischen Hölderlin und Kreisler zu beweisen, hätten mir zwei Worte genügt: Poesie und Polemik“, schreibt Eva Menasse. Sie selbst driftet in ihrem Schreiben nie ganz auf eine Seite. Poetisch wird es nur dann, wenn die Formulierungslust ihr durchgeht. Also praktisch nie. Denn dass Sprache für sie nie Selbstzweck ist, sondern ein wunderbares Werkzeug, Dinge auf den Punkt zu bringen, diesen ein wenig schillern zu lassen, um damit Aufmerksamkeit auf Um- und Missstände zu lenken, die sie besprochen und bereinigt wissen will, all‘ dies ist allgegenwärtig. Und um polemisch zu werden, ist Menasse viel zu sachorientiert. Es geht ihr nicht um den Streit, sondern um seinen Auslöser. Und natürlich um die Hoffnung seiner Auflösung.

Das größte Lesevergnügen bieten jene feuilletonischen Betrachtungen, bei denen sich Autobiografisches mit Allgemeinem verbinden lässt. Das Thema der sprachlichen und mentalitätsmäßigen Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Deutschen und Österreichern ist unerschöpflich, zumal für eine nach Berlin übersiedelte Wienerin. „In Berlin angekommen, fühlte ich mich wie auf einem fremden Planeten. Ich glaube, ich hätte mich sogar in Japan heimischer gefühlt, denn dort hätte ich wenigstens nicht erwartet, verstanden zu werden.“

Aber auch Gedanken über die Beziehung zwischen Journalismus und Literatur sind nicht neu, doch originell, wenn sich die Autorin an ihre Anfänge als junge „profil“-Mitarbeiterin erinnert. Das wunderschöne Stück über „Bürohunde und Zickenkriege“, in dem Aufbruchstimmung, Begeisterung und Ernüchterung von einst anschaulich vermittelt werden, schließt mit der Pointe einer vernichtend gemeinten Kollegen-Kritik: „Frau Menasse, halten Sie sich für eine Schriftstellerin?“

Günter Grass kommt nicht nur im Essayband Eva Menasses vor, sondern auch gleich zu Beginn der fünf Poetik-Vorlesungen, die Daniel Kehlmann vor einem Jahr an der Frankfurter Goethe-Universität gehalten hat. Schon in der ersten Vorlesung geht es u.a. um Peter Alexander, Ingeborg Bachmann (sie begann 1959 mit „Problemen zeitgenössischer Dichtung“ die renommierte Vorlesungsreihe) und W.G. Sebald.

„Kommt, Geister“, nahm Kehlmann für den Titel seiner Vorlesungen Anleihe bei „Macbeth“, und berichtet etwa von einer frühen, düsteren Leseerfahrung mit Jeremias Gotthelf: „Meine Eltern hätten mir nicht erlauben sollen, mit neun Jahren ‚Die schwarze Spinne‘ zu lesen. Noch nie hatte ich mich so gefürchtet. Nie zuvor solche Albträume, nie so eine Intensität der Angst.“ Weiter geht es zum „Herr der Ringe“, zu Stephen King, zu Zombiefilmen und zu Shakespeares Hexen. Später wird man u.a. Leo Perutz und Kurt Gödel begegnen. Und auch bei ihm dürfen Böll und Kreisler nicht fehlen. Wie elegant Kehlmann das alles verbunden hat, ist lesenswert.

Seit gestern laufen übrigens die neuen Frankfurter Poetikvorlesungen. Clemens Meyer beschäftigt sich unter dem Titel „Der Untergang der Äksch GmbH“ mit den Grundlagen und Bedingungen seines literarischen Schaffens. Die weiteren Termine im Campus Westend bei freiem Eintritt: 16., 23. und 30. Juni sowie 7. Juli.

(S E R V I C E - Eva Menasse: „Lieber aufgeregt als abgeklärt. Essays“, Kiepenheuer & Witsch, 250 S., 17,40 Euro, ISBN: 978-3-462-30899-0; Daniel Kehlmann: „Kommt, Geister“, Rowohlt, 20,60 Euro, 176 S., ISBN 978-3-498-03570-9