Neue Landestheater-NÖ-Intendantin möchte „Theatervirus verbreiten“
St. Pölten (APA) - Marie Rötzer wurde heute, Donnerstag, als neue Künstlerische Leiterin des Landestheaters Niederösterreich ab Sommer 2016 ...
St. Pölten (APA) - Marie Rötzer wurde heute, Donnerstag, als neue Künstlerische Leiterin des Landestheaters Niederösterreich ab Sommer 2016 vorgestellt. Der APA gewährte die designierte Nachfolgerin von Bettina Hering das erste Interview, erinnerte sich dabei an ihre Anfänge am Stadttheater St. Pölten, sprach über ihren Heimvorteil und ihre Pläne für Theater-Flashmobs und multilinguale Koproduktionen.
APA: Herzliche Gratulation, Frau Rötzer. Es gab offenbar gleich 67 Mitbewerberinnen und Mitbewerber. Wie viele Hoffnungen haben Sie sich gemacht, als Sie Ihre Bewerbung abgegeben haben?
Marie Rötzer: Ich bin dem Landestheater ja persönlich verbunden: Ich hatte meine ersten Theaterschritte in St. Pölten gemacht und war am Stadttheater zwei Jahre lang Dramaturgin. Deshalb habe ich das Theater immer verfolgt und mich sehr gefreut, als es sich in eine sehr produktive und künstlerisch interessante Richtung entwickelt hat. Schon bei Isabella Suppanz wurde ja umstrukturiert. Spätestes bei Bettina Hering hat sich das Theater ein unglaubliches Renommee erarbeitet. Es ist über Landesgrenzen hinaus bekannt geworden, durch die Gastspiele und die interessanten Gäste, die sie geholt hat, aber auch durch die Eigenproduktionen, durch ein tolles Ensemble und eine interessante Mischung aus Klassikern und modernen Stücken. Da ist ein spannendes künstlerisches Biotop entstanden - und so habe ich dann meine Bewerbung abgeschickt.
APA: Hat das Landestheater Niederösterreich gerade noch die richtige Größe, um sich dessen Führung ohne Leitungserfahrung zutrauen zu können?
Rötzer: Na ja, es ist ja gar nicht so klein. Es fasst so 400, 450 Zuschauer, das ist vergleichbar mit dem Akademietheater. Diese Plätze müssen ja auch erst einmal gefüllt werden. Zusammen mit dem Umland kommt auch ein ganz schönes Zuschauerpotenzial zusammen. Insofern ist das schon eine schöne Herausforderung, so ein Theater mittlerer Größe zu leiten.
APA: Wie gut erinnern Sie sich an Ihre Zeit am Stadttheater St. Pölten, 1993-95?
Rötzer: Für mich war das extrem aufregend, nach Hospitanzen am Burgtheater und Volkstheater unter Intendant Peter Wolsdorff in einem richtigen Vier-Sparten-Betrieb mit einem richtigen Ensemble, zu arbeiten. Es gab hoch ambitionierte Projekte, aber es war dann sicher richtig, die Strukturen zu ändern und sich auf das Sprechtheater zu konzentrieren.
APA: Wie wichtig ist Ihnen das Ensemble?
Rötzer: Es gibt ein Ensemble von 12 Schauspielern und ein System von Gästen und assoziierten Gästen. Ich glaube, dass das für einen Repertoirebetrieb gut funktioniert. Ich glaube, dass ein kleiner Kern eines Ensembles sehr wichtig ist für ein Theater, um eine Identifikation zu schaffen zwischen dem Publikum und dem, was auf der Bühne stattfindet. Das funktioniert sehr stark über künstlerische Persönlichkeiten.
APA: In Wien erleben wir gerade am Volkstheater einen nahezu kompletten Ensemble-Austausch. Wie werden Sie vorgehen?
Rötzer: Ich werde mir auf jeden Fall das Ensemble anschauen. Es ist mir wichtig zu schauen, welche Künstler sind da, wo habe ich das Gefühl, dass ich mit den Künstlern weiterarbeiten kann? Erst einmal möchte ich den Status quo als Chance sehen. Ich halte nichts von einem Kahlschlag.
APA: Wissen Sie als gebürtige Niederösterreicherin besser als andere, was diese Stadt und diese Bevölkerung am Theater braucht?
Rötzer: Zu wissen, was die Themen der Menschen in dieser Stadt und in diesem Land sind, ist mir besonders wichtig. Da habe ich schon eine Art Heimvorteil, weil ich die Mentalität sehr gut kenne. Ich bin im Weinviertel aufgewachsen und habe immer engen Kontakt zu meiner Familie gehalten. Ich kenne auch die Wachau sehr gut, das Umland um St. Pölten. Ich werde versuchen, die Sehnsüchte, Bedürfnisse und Nöte der St. Pöltnerinnen und St. Pöltner zu erkunden, auch mit künstlerischen Projekten. Ich möchte vielleicht auch mit kleinen, mobilen Szenen mit Schauspielern in das Umland gehen und flashmobartig überall Theater machen, wo es geht. Ich möchte, dass sich eine Art Theatervirus verbreitet, der in jedem Winkel dieses Landes und dieser Stadt auftaucht und die Menschen vom Theater fasziniert und mit ihm ansteckt. Ich möchte auch in Projekten rundherum, etwa in Installationen im Foyer und in Diskussionen, einen regen Austausch mit dem Publikum betreiben. Es gibt einen Spruch, den ich toll finde, er stand wohl im antiken Theater an den Türen: „Hier wird eine Sache verhandelt.“ Das ist ein Motto, das mir sehr gut gefällt, und danach möchte ich auch mein Programm ausrichten.
APA: Der Theatervirus scheint Niederösterreich ja vor allem im Sommer zu befallen. Will man am Landestheater etwas komplett anderes als die Kollegen vom Sommertheater?
Rötzer: Da muss ich ein wenig passen, weil ich das nicht so gut kenne. Ich glaube aber, dass jedes Theater seine Berechtigung hat, wenn es dafür Publikum gibt. Meine Idee für das Landestheater Niederösterreich ist, dass ich mich extrem stark vernetzen möchte und mit den vielen Kulturinstitutionen, die es gibt, an gemeinsamen Themen zu arbeiten - ob das nun ein Museum ist, ein Literaturhaus oder eine kirchliche Institution. Überall da, wo Menschen zusammenkommen, gehört auch das Theater dazu.
APA: Wie war Ihre Erfahrung im Auswahlprozess? Haben Sie dabei auch Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) kennengelernt?
Rötzer: Habe ich nicht, leider. Ich hoffe, dass das noch passiert. Ich möchte Herrn Pröll unbedingt treffen und ihn zur Eröffnungspremiere einladen. Ich finde, Politik und Kultur gehören zusammen, dürfen sich auch streiten und Konflikte haben, aber es muss einen gemeinsamen Willen geben, dass Kultur eine große Bedeutung hat für die Gesellschaft. Mein Anspruch an Theater ist auch ein gesellschaftspolitischer Anspruch. Das Auswahlverfahren war extrem seriös und tief gehend. Es gab drei Runden, die man überwinden musste, wie ein Hindernislauf. Es war ein sehr intensiver Prozess mit vielen Fragen zu meinen Ideen.
APA: Kurz vor Ihnen ist mit Thomas Edlinger auch der neue Leiter des Donaufestivals vorgestellt worden. Auch dort wird ein progressiver Kurs weitergeführt. Manche wundert das - in einem ÖVP regierten Land...
Rötzer: Ich glaube, es kommt immer auf die Persönlichkeiten an. Ob es Politiker sind, die finden, dass Kunst und Kultur so existenziell sind wie Nahrungsmittel und zum Leben dazugehören.
APA: Sie haben über zwei Jahrzehnte im österreichischen und deutschen Theaterbetrieb gearbeitet. Von wo haben Sie am meisten mitgenommen?
Rötzer: Ich habe von überall etwas mitgenommen. In Graz habe ich etwa sehr viel mit Autoren gearbeitet und hatte engen Kontakt mit uniT, in Mainz haben wir sehr viel mit internationalen Regisseuren gearbeitet, um neue Perspektiven in das Theater hineinzubekommen. Und jetzt in Hamburg habe ich sehr viel über die Vernetzung mit dem Ausland gelernt. Wir haben sehr viele Gastspiele im Ausland, von Bogota über China bis hin zu Japan. Da habe ich auch erfahren, wie internationale und multilinguale Koproduktionen funktionieren. Das ist auch etwas, das ich nach Niederösterreich bringen möchte: den Dialog mit den Nachbarländern zu suchen, um Grenzen zu überwinden und den europäischen Gedanken auch kulturell zu verstärken. Alle diese Erfahrungen möchte ich natürlich am Landestheater wirksam werden lassen.
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)