Kunst

Meditationen zwischen Kapital und Kirche

Zu Innsbruck hat Documenta-Künstler Thomas Bayrle ein besonderes Verhältnis. Weshalb er auch ausgerechnet hier seine brandneuen Arbeiten zeigt.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –Vor rund zwei Jahren hat Thomas Bayrle einen Kreuzweg für die Frankfurter St. Josefskirche geschaffen – 14 Stahlschnitte für den Leidensweg nach Golgota, angelegt als durchlässige, gitterartige Strukturen, in denen, so Bayrle, Raum für die Meditationen des Betrachters bleibt. In der Galerie Widauer sind dem religiösen Wertekanon allerdings auch ein paar artfremde Götter ins Netz gegangen, nämlich Explorer, Firefox und Google Chrome, Automarken und Ölkonzerne, Softdrink-Riesen und Sportartikel-Multis. Sieben von 14 Kreuzwegbildern wurden mit ihren Logos hinterlegt, sie schmiegen sich in den gekrümmten Körper des geschundenen Gottessohnes oder an die Brust eines Begleiters – ganz klar: hier wird auch ein Passionsspiel des Kapitalismus aufgeführt.

Was Bayrle aber eher als Zustandsbeschreibungen einer Welt der Widersprüche, denn als Kritik an der Konsumwelt verstanden wissen will. Sie kommen in einer Ästhetik daher, die an die Tradition der Bleiglas-Kirchenfenster erinnert und sind zugleich haptisch erfahr- bzw. erfühlbare Reliefs.

Texturen und Strukturen sind sowieso ein Hoheitsgebiet des 1937 geborenen Berliner Pioniers der Computerkunst: als digital generierte Gewebe, aus realen Modulen gebastelt, dem Prinzip des Seriellen folgend und das Verhältnis zwischen Masse und Medien auslotend. Da spielen inhaltliche Fragen zur Konsumgesellschaft genauso hinein wie immer wieder auch die Religion. Seine allererste „christliche Skulptur“, sagt Bayrle, habe er in Innsbruck ausgestellt. Das war 1988 bei Johannes Atzinger. Für sein Christus-Bild verwendete Bayrle Bildsegmente von Hitlers „erster Autobahn“ zwischen Frankfurt und Darmstadt.

Die Verbindung nach Innsbruck, wo im übrigen auch Bayrles Mutter studiert hat, ist geblieben, seinem hiesigen Galeristen Johann Widauer streut der Künstler als „Möglichmacher“ von auch aufwändigsten Projekten verbale Rosen. Immerhin sind in Tirol auch die Karton-Module für seine riesige, vor drei Jahren auf der Kasseler Documenta 13 gezeigte Installation „Carmageddon“ gefertigt worden.

Monumental sind auch die zwei brandneuen Arbeiten, die Bayrle bei Widauer zeigt: Sie sind eine Reaktion auf den Smartphone-Kult unserer Gesellschaft – für Bayrle „Volkskrankheit und Faszinosum“ zugleich. Und ein modernes Kommunikationsmittel, an dem man auch beim Kunst-Konsum nicht vorbeikommt: Auch vor Caravaggios „Hl. Matthäus mit dem Engel“ in Rom hatte er es mit Tausenden Handys in erhobenen Händen zu tun, stets bereit zur fotografischen Vervielfältigung.

Bayrle hat den Spieß umgedreht, sein Matthäus und Engel in der Originalgröße von fast drei mal zwei Metern ist ein computergeneriertes, fast psychedelisch wirkendes Gewächs aus Handy-Händen oder – in einer düster-materiellen Version – das kaltglatte, maschinelle Produkt der Begierde, das in diesem Fall nicht die Kunst des italienischen Meisters, sondern das iPhone ist.