Regisseur Frosch: Von Heimskandalen „nicht mehr losgekommen“ 1
Wien (APA) - Ab 1945 bis in die 70er-Jahre hinein waren rund 800.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland und weitere 100.000 in Österreich...
Wien (APA) - Ab 1945 bis in die 70er-Jahre hinein waren rund 800.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland und weitere 100.000 in Österreich in staatlichen und kirchlichen Heimen körperlicher und seelischer Gewalt ausgesetzt. Die Verarbeitung der Heimskandale ließ lange auf sich warten. Mit „Von jetzt an kein Zurück“ erzählt Regisseur Christian Frosch eine von vielen dieser tragischen Geschichten.
Im Gespräch mit der APA verrät der gebürtige Niederösterreicher von der fast achtjährigen Entstehungsgeschichte des Films, inwiefern seine eigene Kindheit ihn auf das Thema vorbereitete und was von der Schwarzen Pädagogik noch heute übrig ist.
APA: Medial waren die Heimskandale in den vergangenen zehn Jahren verstärkt Thema. Wie sind Sie persönlich darauf gestoßen?
Christian Frosch: Die Geschichte ist auf mich zugekommen, weil ich vor sieben, acht Jahren jemanden kennengelernt habe, der in so einem Heim aufgewachsen ist. Er hat mir seine Geschichte erzählt, die relativ unglaublich war. Ich habe dann angefangen zu recherchieren und letztendlich 50, 60 Interviews geführt. Ich habe sehr viele Geschichten gehört, bei denen ich das Gefühl hatte, man könnte sie alle erzählen. Irgendwie bin ich davon nicht mehr losgekommen, habe dann auch ehemalige Erzieher getroffen und versucht, die andere Perspektive zu bekommen.
APA: Mit „Von jetzt an kein Zurück“ erzählen Sie keine reine Heim-, sondern eine Liebesgeschichte, die zehn Jahre umspannt. Was hat Sie zu dieser Herangehensweise bewogen?
Frosch: Letztendlich spielen nur 40 Minuten wirklich im Heim, also etwa ein Drittel. Wenn man einen Film macht, der nur in einem Heim spielt, ist man sehr limitiert. Mich hat interessiert, was vorher und was nachher ist. Das Heim ist ja nicht beendet, wenn man draußen ist. Ich habe Leute getroffen, die Mitte 60 sind und erst jetzt angefangen haben, darüber zu reden; oft wissen nicht mal die Partner davon. Da gab es lange eine Scham, die jetzt langsam aufbricht. Dadurch kommt auch das Thema nun hoch: Weil sich viele nach außen bewegt haben, und das natürlich weite Kreise zieht. Das Internet ist mittlerweile voll mit Initiativen und Organisationen, die sich um dieses Thema kümmern. Es ist geradezu explodiert.
APA: Basiert auch die Liebesgeschichte zwischen Ruby und Martin auf wahren Begebenheiten?
Frosch: Eigentlich ist nichts so ganz erfunden in dem Film, es ist vielmehr eine Art Montage aus verschiedenen Biografien. Diese Liebesgeschichte von Zweien, die in zwei verschiedene Heime geschickt wurden, ist mir so erzählt worden. Sie spielte aber in den 50er-Jahren, und die haben mich weniger interessiert als die 60er-Jahre. Es gibt so eine Wahrnehmung der 60er: Wir hören immer noch die Musik, man hat den Eindruck, es war ein wahnsinnig rebellisches, offenes Jahrzehnt, aber der Eindruck täuscht. Das war eine kleine Minderheit, die rebelliert hat, und der Film versucht zu zeigen, was der Normalfall war.
APA: Nicht zuletzt der Normalfall in der Provinz, im Gegensatz zur Stadt.
Frosch: Das trifft früher noch mehr zu als heute. Damals in der Provinz aufzuwachsen, war bestimmt noch mal härter. Ich bin selbst am Land aufgewachsen, 70er-Jahre Niederösterreich war wie 50er-Jahre deutsche Provinz. Wahnsinnig reinfühlen musste ich mich da gar nicht, ich konnte auch so aus eigener Erfahrung schöpfen. Die Dialoge mit dem Schuldirektor etwa habe ich eins zu eins so erlebt. Ich habe ihm sogar denselben Namen gegeben (lacht).
APA: Sie erzählen im Film nicht nur vom Generationenkonflikt, sondern mit Rubys und Martins Vätern - der eine linksorientiert, der andere konservativ-autoritär - auch von gegensätzlichen Erziehungskonzepten. Welchem waren Sie persönlich ausgesetzt?
Frosch: Meine Kindheit war schon eher katholisch-autoritär. Meine Eltern haben eine strenge Erziehung mit sehr starken, konservativen Moralvorstellungen gehabt. Auch die Schule, an der ich war, war nicht lustig. Was mir erst im Laufe der Recherche bewusst wurde - und das ist ein bisschen peinlich -, ist, wie nahe der Krieg noch war. Diese Väter haben beide Kriegserfahrung, teilen ein Trauma und gehen unterschiedlich damit um. Ben Becker, der diese merkwürdig aggressiv-autoritäre Figur verkörpert, ist ja eigentlich ein total gebrochener, sentimentaler, unglücklicher Mensch. Ich wollte auch diese Ambivalenzen zeigen.
APA: Martins Erfahrung in der Diakonie Freistatt treibt ihn schließlich in den Untergrund. War es Ihr Anliegen, dem viel diskutierten Thema RAF ein neues, nachvollziehbares Element hinzuzufügen?
Frosch: Das hat sich durch das Thema ergeben. In den späten 60er-Jahren gab es diese Heimkampagne, wo sich Leute aus dem studentisch-linken Umfeld dem Thema Heimerziehung angenommen und die Heimkinder zu Aufständen animiert haben. Die führenden Protagonisten waren nun mal Andreas Baader und Gudrun Ensslin. Auch Ulrike Meinhof hat, bevor sie in den Untergrund ging, noch ein Drehbuch über Heimkinder geschrieben, „Bambule“. Einige dieser ehemaligen Heimkinder sind dann tatsächlich in der RAF gelandet. Die Bezugnahme hat sich fast aufgedrängt, es wäre komisch gewesen, es nicht zu behandeln. Natürlich wird viel über die RAF berichtet, aber die Vorgeschichte fehlt. Als ich mit meinem damals 17-jährigen Patenkind „Der Baader Meinhof Komplex“ im Kino gesehen habe, war es für ihn völlig utopisch, dass jemand auf die Idee kommen könnte. Da dachte ich mir, man muss mal erzählen, was dahin geführt hat.