Vom Markt direkt in den Müll: „Die Konsumenten sind ratlos“
Lebensmittelverschwendung: ein langes Wort für eine ebenso lange Diskussion. Zwischen 500.000 und 1,2 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Österreich pro Jahr im Müll. Der Wert der Lebensmittel hat sich massiv geändert, sagt Gastrosophin Doris Schatzl dazu.
Von Deborah Darnhofer
Innsbruck, Salzburg – Der Salat noch in Folie eingepackt, die Joghurtbecher unberührt, das Brot resch – und doch landen diese Lebensmittel im Müll. Dieser Tage wird viel über Lebensmittelverschwendung diskutiert. In Frankreich wurde im Mai ein Gesetz beschlossen, wonach der Großhandel unverkaufte Nahrungsmittel künftig nicht mehr wegwerfen oder vernichten darf. Auch in Italien wird nun laut über ein ähnliches Gesetz nachgedacht.
Österreichs Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP) will hingegen keine gesetzlichen Maßnahmen gegen Nahrungsmittelverschwendung ergreifen und setzt auf „Bewusstseinsbildung“. Doris Schatzl vom Salzburger Verein für angewandte Gastrosophie, der sich mit vielen Aspekten der Ernährung beschäftigt, hingegen plädiert im TT-Interview für ein eigenes „Politfeld“.
Angesichts der neuen Meldungen von Lebensmittelverschwendung. Welchen Wert haben Lebensmittel heutzutage?
Die Müllmengen
In Österreich wird jährlich laut Umweltministerium rund eine halbe Million Tonne Lebensmittel weggeworfen. Die Initiative „United Against Waste“ spricht hingegen von 1,2 Millionen Tonnen.
Der Großteil davon entfällt auf Private und die Gastronomie. 160.000 Tonnen Waren würden in Haushalten jährlich weggeworfen, so Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP).
Im Handel verderben laut einer Studie der Universität für Bodenkultur in Wien pro Jahr 74.100 Tonnen im Wert von 255 Millionen Euro. Die Boku hat die Warenströme aus dem Jahr 2013 im Auftrag von fünf Handelsketten analysiert.
Für die Gastronomie errechneten die Studienautoren heuer anhand von Abfalluntersuchungen in 29 Betrieben eine Gesamtmenge von 200.000 Tonnen vermeidbarer Lebensmittelabfälle pro Jahr.
Zum Gipfel geladen hat Staatssekretärin Sonja Steßl (SPÖ) Vertreter aus der Wirtschaft, den NGOs und Politiker. Dabei sollen Strategien für das Eindämmen der Lebensmittelverschwendung erarbeitet werden, kündigte Steßl Ende Mai an. Einen konkreten Termin gibt es bis dato allerdings noch nicht.
Schatzl: Lebensmittel haben einen sehr hohen Stellenwert. Es gibt eine Überflutung von Berichten über Essen und Trinken ganz allgemein. Die Leute setzen sich auch sehr stark mit dem Thema auseinander. Man will sich gesund und bewusst ernähren. Es gibt immer mehr Menschen, die sich mit Ernährung auf sehr hohem Niveau beschäftigen. Die Anforderungen, die wir an die Lebensmittel haben, sind ebenfalls sehr hoch. Das Lebensmittel soll nicht nur ernähren, es soll appetitlich aussehen, duften und schmecken sowie gesund, lange haltbar und einfach zuzubereiten sein - und das soll natürlich alles bezahlbar sein. Die Anforderungen und den Wert, den wir den Lebensmitteln beimessen, stellt eine große Herausforderung dar.
Kann man diese Herausforderung momentan positiv bewältigen oder ist das Thema rund ums Essen überladen?
Schatzl: Das Thema ist extrem überladen, die Konsumenten sind ratlos. Eine Studie jagt die anderen. Heute ist das gesund und morgen jenes. Man fragt sich ständig, was man heute noch essen soll, was gesund ist, was uns gut tut und was wir noch ohne schlechtes Gewissen essen können. Diese ethische Komponente kommt noch hinzu. Die Flut an Information hat leider mehr zur Verwirrung als zur Aufklärung geführt.
Wie passt das ins Bild, dass man sich einerseits offenbar viel mit dem Essen beschäftigt, es aber andererseits vielerorts auch unverbraucht in den Müll wirft?
Schatzl: Das ist eine gute Frage: Warum wird so viel weggeworfen? Wir leben in einem Überfluss und haben seit einigen Jahrzehnten in den industrialisierten Ländern einen Zustand, den wir bis jetzt in der Geschichte nie hatten: Nämlich den Überfluss, in dem wir leben, und eine Überproduktion. Hinzu kommen Lebensmittelgesetze, die ein Haltbarkeitsdatum vorschreiben, somit müssen Lebensmittel weggeschmissen werden.
Fehlt die Wertschätzung gegenüber den Lebensmitteln in der Bevölkerung?
Schatzl: Das glaube ich gar nicht. Es ist vielmehr ein Problem der Übersättigung. Wir haben zu viel von industriell gefertigten Lebensmitteln, die ja nur deshalb so billig sind, weil sie in dieser großen Menge produziert werden. Dann kommt es zum Überschuss und muss weggeworfen sein. Es ist ein Teufelskreis.
Kann sich der Konsument da zur Wehr setzen?
Schatzl: Der Konsument muss sich schon seiner Verantwortung stellen. Es geht ja auch um sein eigenes Geld. Wenn er sich von diesen sehr starken und aufdringlichen Angeboten, wie ‚Zahl zwei nimm drei‘, verleiten lässt, dann ist er selbst Schuld. So bewusst muss der Konsument heute schon sein und sagen, ,ich kaufe nur das, was ich brauche‘.
Koch- und Gesundheitsbücher sind seit Jahren der große Renner. Muss man aber zusätzlich fordern, dass Lebensmittel auch moralisch betrachtet werden, um wieder wertvoll zu sein?
Schatzl: Das wurde in den Medien in den letzten Jahren immer wieder stark diskutiert. Wir haben jetzt eine globale Sicht auf die Ernährung. Wir wissen was in Österreich, Amerika oder Afrika gegessen wird. Wir beschäftigen uns mit der Ernährung der Weltbevölkerung. Wir Europäer werden uns aufgrund des Wissens- und Nahrungszuwachses immer mehr bewusst, dass wir bzw. insgesamt die Industrieländer Lebensmittel wegwerfen, während in anderen Ländern Menschen verhungern. Das führt zumindest jetzt in Europa zu einer Art ,Aufklärung des Ernährungsbewusstseins‘. Der Weltagrarbericht hat da zum Beispiel viel dazu beigetragen. Es ist viel mehr ins Bewusstsein gedrungen, dass es nicht richtig, eigentlich ungerecht und ethisch nicht haltbar ist, dass wir Lebensmittel wegwerfen.
Wenn wir einen Blick zurück wagen: Wie hat sich der Wert der Lebensmittel in Europa im Laufe der Zeit verändert?
Schatzl: Im Laufe der Menschheitsgeschichte haben sich immer Zeiten des großen Mangels mit Zeiten, wo Lebensmittel verfügbar waren, abgewechselt. Das hat u.a. mit Kriegen, Unwetterkatastrophen, verdorbener Ernte und Krankheiten zu tun. Es hat immer ein Auf und Ab gegeben. Grundsätzlich kann man sagen, dass der Großteil der Menschen relativ wenig zu essen gehabt und ein kleiner Teil immer schon in Saus und Braus gelebt hat. Das war auch in der Antike und im Mittelalter bereits so - und gibt es auch heute noch. Dieser Überfluss und diese Völlerei war stets präsent. Es hat auch immer Menschen gegeben, die zu viel gegessen und dadurch krank geworden sind. Aber: Die Wertschätzung ist natürlich umso größer, je größer der Mangel ist.
Haben wir dann ein Luxusproblem?
Schatzl: Es ist ein ethisch, moralisches Problem. Ich bin froh, dass es von kleinen alternativen Gruppen, wie einigen Foodbloggern, aber auch Südwind, Greenpeace und andere NGOs (Nichtregierungsorganisationen, Anm.), auch so verstanden und transportiert wird.
Ist dann Ihrer Meinung nach eine Lösung dieses Problems in Sicht?
Schatzl: Es ist sehr schwierig. Natürlich suchen nicht nur diese engagierten Personen oder Vereine nach Lösungen. Auch die Politik sucht danach. Nur gibt es eine Verflechtung zwischen Ernährung, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Das hängt alles sehr stark zusammen. Es ist aus meiner Sicht falsch, wenn man sich Fragen zum Thema Ernährung stellt, ohne sich gleichzeitig den großen wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen anzunehmen. Eine Lösung der Ernährungsproblematik, die wir haben - nicht nur in Österreich, sondern weltweit - ist immer auch ein gesellschaftliches und politisches Problem. Ich würde den Ball der Politik zuwerfen. Sie müsste hier eingreifen. Ein Politfeld wie ,Ernährung‘ gibt es nicht wirklich, das wäre aber wünschenswert.
Ist man da auf einem Auge blind: Man isst täglich, aber es gibt Ihrer Meinung nach kein politisches Feld dafür?
Schatzl: Ja,
Es werden nicht nur viele Lebensmittel weggeworfen. Es werden von einigen wenigen Menschen diese Lebensmittel auch wieder aus den Tonnen geholt und gegessen. Wie passt das zusammen: Ist das eine kleine Gruppe von Exoten, die eine andere Wertschätzung gegenüber den Lebensmitteln haben?
Schatzl: Ich denke, es gehört in den Bereich der Protestbewegung. Ich glaube nicht, dass es ein Modell ist, wie man sich ernähren soll. Es soll vielmehr aufzeigen: ,Schaut her, was da liegt, kann ich essen‘. Aber ich finde es gut auf so radikale Weise die Problematik aufzuzeigen. Das macht Sinn.
Im Zuge dieser Debatte kommt auch die Hygiene ins Spiel. Haben wir uns mittlerweile so weit von der Lebensmittelproduktion entfernt, dass wir gar keinen Bezug mehr zu den Lebensmitteln haben und uns daher auf das Haltbarkeitsdatum verlassen ohne selbst zu prüfen, ob das Produkt noch gegessen werden kann?
Schatzl: Die Lebensmittelerzeugung ist so sicher, sauber und hygienisch wie nie zuvor. Die Leute wissen aber oft gar nicht, wie lange sie Lebensmittel noch lagern und verzehren können. Sie verlassen sich auf das Ablaufdatum. Dabei gibt es Lebensmittel, die nicht ablaufen, zum Beispiel Honig oder Reis. Sie werfen Produkte weg, weil sie meinen, sie können sie nicht über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus essen. Der direkte Bezug zu den Lebensmitteln ist ihnen verloren gegangen, weil diese großteils industriell gefertigt sind und abgepackt nach Hause kommen.