41 Ärzte konsultiert: Germanwings-Pilot war flugunfähig
Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine will die französische Staatsanwaltschaft nun auch eine mögliche Verantwortung der Fluggesellschaft und der Konzernmutter Lufthansa klären. Derweil werden neue Details zum Gesundheitszustand des Copiloten bekannt.
Paris, Düsseldorf – Der Co-Pilot der abgestürzten Germanwings-Maschine war nach Angaben der französischen Staatsanwalts fluguntauglich. „Er war nicht mehr in der Lage, ein Flugzeug zu fliegen“, sagte Staatsanwalt Brice Robin am Donnerstag in Paris. Der 27-Jährige sei instabil und psychisch krank gewesen. Zudem habe er Augenprobleme gehabt: „Er sah zu 30 Prozent dunkel und hatte Lichtblitze wie bei einer Netzhautablösung“. Das hätten die Ermittlungen bei Ärzten ergeben.
Die Marseiller Staatsanwaltschaft will auch eine mögliche Verantwortung der Fluggesellschaft und der Konzernmutter Lufthansa klären. Er werde drei Untersuchungsrichter mit einem Verfahren gegen Unbekannt wegen fahrlässiger Tötung beauftragen, sagte Robin.
Verfahren wird in Frankreich weitergeführt
Es gebe aber bisher keinerlei Beweise, dass Germanwings oder Lufthansa Informationen über den aktuellen Gesundheitszustand Co-Piloten gehabt hätten. Auch eine Sprecherin der Lufthansa betonte, „uns liegen derzeit keine Kenntnisse über Ermittlungen der französischen Staatsanwaltschaft konkret gegen Germanwings oder Lufthansa vor“.
Der 27-Jährige hat nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft den Airbus am 24. März auf dem Flug von Barcelona nach Düsseldorf absichtlich in den französischen Alpen zum Absturz gebracht. Alle 150 Menschen an Bord kamen ums Leben.Die meisten Opfer stammten aus Deutschland.
Robin kündigte an, er werde das Verfahren weiterführen. Für einen möglichen Prozess wäre damit ein Gericht in Marseille zuständig. Nach Angaben des Staatsanwaltes hat er seinen Kollegen in Düsseldorf angeboten, das Verfahren zu übernehmen, da der Co-Pilot, die meisten Opfer sowie die Fluggesellschaften aus Deutschland stammen. Auf das Angebot sei die Staatsanwaltschaft in Deutschland aber nicht eingegangen.
41 verschiedene Ärzte konsultiert
Der 27 Jahre alte Co-Pilot war nach Angaben Robins gesundheitlich nicht fähig, die Maschine zu fliegen. Zu diesem Urteil seien mehrere Ärzte gekommen. Er sei niedergeschlagen, instabil und psychisch krank gewesen, sagte Robin. Wegen der ärztlichen Schweigepflicht seien diese Informationen nicht weitergegeben worden.
Der Co-Ppilot sei im März an zehn Tagen krankgeschrieben gewesen. In den vergangenen fünf Jahren habe er 41 verschiedene Ärzte konsultiert. Im letzten Monat vor dem Absturz waren es laut Staatsanwaltschaft sieben Besuche. Er habe versucht, dies zu verheimlichen. Allerdings sei er bei einigen Arztterminen von seiner Mutter oder seiner Freundin begleitet worden.
Robin berichtete weiter von Augenproblemen des Piloten. Er sei deswegen auch beim Arzt gewesen, wo kein körperliches Problem festgestellt worden sei. Er habe aber das Gefühl gehabt, ständig an Sehkraft zu verlieren. Der 27-Jährige habe Angst gehabt, zu erblinden, berichtete Rubin. Er habe angegeben, nachts nur noch zwei Stunden schlafen können. Zudem sei von einem Arzt eine Psychose diagnostiziert worden.
Online-Suche nach tödlichen Giften
Gleichzeitig habe er versucht, dies vor seinem Arbeitgeber zu verheimlichen. Der Co-Pilot habe Informationen zu seinem Gesundheitszustand nicht weitergegeben. Es gebe keine Hinweise, dass Kollegen von den Problemen gewusst hätten. Vor der Pressekonferenz hatte Robin mehr als vier Stunden lang Angehörige der Opfer in Paris über den Stand der Ermittlungen informiert.
Der Co-Pilot hat im Internet nach Zyankali, Valium und tödlichen Medikamenten-Cocktails gesucht - offenbar um sich allein das Leben zu nehmen. Ein Sprecher der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft bestätigte am Freitag Informationen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR. Offiziell war bislang nur bekannt, dass sich der 27-Jährige über „Möglichkeiten der Selbsttötung“ informiert hatte.
Den deutschen Ermittlern zufolge hatte der 27-Jährige seine Suizidgedanken niemandem offenbart: Weder Angehörige, Ärzte noch Arbeitgeber hätten davon etwas gewusst, hieß es am Freitag. Er habe sich sogar über Patientenverfügungen informiert, offenbar für den Fall, dass ein Suizid misslingen könnte. Im Dezember 2014 habe er begonnen, zahlreiche Ärzte aufzusuchen. Davor seien fünf Jahre lang keine gesundheitlichen Auffälligkeiten feststellbar.
Die deutschen Ermittler sehen derzeit neben dem Co-Piloten niemanden, der für den Absturz der Germanwings-Maschine mitverantwortlich sein könnte. Die Ermittlungen dauern aber noch an, teilte die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft am Freitag mit. Somit gibt es nach deutschem Recht bisher keinen Ansatzpunkt für ein Strafverfahren.
Die Behörde trat dem Eindruck entgegen, sie habe die Übernahme der Strafverfolgung von den französischen Behörden abgelehnt. Ein solches förmliches Ersuchen sei bisher nicht eingegangen, teilte ein Behördensprecher mit.
Familien nehmen Abschied
Am Mittwoch waren die ersten Särge mit deutschen Opfer an ihre Familien übergeben worden. Die 16 verunglückten Schüler aus Haltern am See sollen von diesem Freitag an beigesetzt werden.
Nach Angaben des Staatsanwaltes ist auf politischer Ebene entschieden worden, nicht identifizierbare menschliche Überreste von der Absturzstelle in einem Sammelgrab in der Nähe des Unglücksortes beizusetzen. Dazu sollten vermutlich im Juli auch die Angehörigen der Opfer eingeladen werden. (dpa, tt.com)