„Verhüllter Reichstag“ - 20 Jahre Christo-Aktion in Berlin
Berlin (APA/dpa) - Es begann mit einer Postkarte: 1971 erhielt Christo von dem in Berlin lebenden US-Journalisten Michael S. Cullen ein Foto...
Berlin (APA/dpa) - Es begann mit einer Postkarte: 1971 erhielt Christo von dem in Berlin lebenden US-Journalisten Michael S. Cullen ein Foto des Reichstags. Der Verhüllungskünstler war von der Lage und Symbolik des Gebäudes an der Berliner Mauer begeistert. „Bitte besorgen Sie uns die nötigen Genehmigungen“, schrieb er lapidar zurück.
Trotzdem sollte es noch 24 Jahre dauern, bis Christo und seine Frau Jeanne-Claude am 24. Juni 1995 den „Wrapped Reichstag“ präsentieren konnten. Drei Parlamentspräsidenten - Karl Carstens (CDU), Richard Stücklen (CSU) und Philipp Jenninger (CDU) lehnten das Projekt offiziell ab. Erst der Fall der Mauer und der Beschluss, den Bundestag von Bonn nach Berlin zu verlegen, machten den Weg schließlich frei. „Wir packen den Reichstag ein und nach einigen Wochen den Bundestag aus“, so formulierte es der CDU-Abgeordnete Friedbert Pflüger. Am 25. Februar 1994 gibt der Bundestag mit 292 zu 223 Stimmen grünes Licht.
Das Künstlerpaar lässt eigens ein aluminiumbeschichtetes, nicht entflammbares Gewebe produzieren. Sieben Tage dauert es, bis 90 Berufskletterer und 120 ausgebildete Monteure die mehr als 100 000 Quadratmeter Stoff bahnenweise an dem mächtigen Bau herablassen, mit mehr als 15 Kilometern blauem Seil verschnüren und mit 1000 Tonnen schweren Bodengewichten sichern.
Vom 24. Juni an herrscht für zwei Wochen Ausnahmezustand in Berlin. Mehr als fünf Millionen Menschen kommen, um sich von dem schimmernden, scheinbar schwerelosen Koloss auf der Reichstagswiese verzaubern zu lassen. Doch nach 14 Tagen ist Schluss. Trotz des gigantischen Erfolgs lassen sich Christo und Jeanne-Claude nicht überreden, ihr zeitgebundenes Werk zu verlängern. Auch das gehört zu ihrer Kunst. Was bleibt, ist die Erinnerung.