Kunst

Menschliches Treibgut

© Mirjam Devriendt

Die Installationen der Belgierin Berlinde De Bruyckere brauchen viel Platz, weshalb sich das Kunsthaus Bregenz und der Kunstraum Dornbirn die Ausstellung „The Embalmer“ teilen.

Von Edith Schlocker

Bregenz, Dornbirn –Auf den ersten Blick ist die Kunst der belgischen Künstlerin Berlinde De Bruyckere erschreckend. Scheinen in der imposanten ehemaligen Montagehalle, in der sich der Kunstraum Dornbirn eingerichtet hat, doch echte Kadaver von Pferden an monströsen Fleischerhaken von der Decke zu baumeln oder über rostige Gestelle geworfen zu sein. Schaut man allerdings näher hin, sieht man, dass die Körper aus Kunstharz geformt und „nur“ mit realen Tierhäuten überzogen sind.

Womit das reale Erschrecken einigermaßen schwindet und Assoziationen kunstgeschichtlicher Art genauso wie einem Nachdenken über unseren Umgang mit der Natur bzw. unseresgleichen Platz macht. Zelebriert mit riesigem formalen Aufwand in fast barock anmutendem Pathos. Um gerade dadurch die Emotionen der Betrachter anzuzetteln. Mit dem Pferd verbundene Sentimentalitäten auszureizen genauso wie an jene Schlachtrösser zu erinnern, die der Mensch in früheren Zeiten als kriegerisches Werkzeug in die blutigen Schlachten geworfen hat.

Die zwei monumentalen Pferde-Skulpturen, die Berlinde De Bruyckere im Kunstraum Dornbirn zeigt, sind ganz neu. Mit der Installation „Kreupelhout/Krüppelholz“, die mit ihren 18 Metern Länge den gesamten zweiten Stock des Bregenzer Kunsthauses besetzt, hat die 1964 in Gent geborene Künstlerin dagegen bereits 2013 den belgischen Pavillon der venezianischen Biennale bespielt. In Bregenz umhängt von zarten Aquarellen, die die Künstlerin von einer durch einen Sturm gefällten mächtigen Ulme gemalt hat. Aus ihren mehr oder weniger dicken Ästen hat De Bruyckere auch die Skulptur gebaut. Indem die Hölzer mit unterschiedlich dicken, vielfach vernarbten „Häuten“ aus Wachs überzogen sind, bekommen sie allerdings die Anmutung von menschlichem Treibgut. Dessen „Knochen“ vielfach gebrochen, die blutigen „Stümpfe“ mit realen Fetzen notdürftig verbunden sind.

Zu der Arbeit, die Berlinde De Bruyckere einen Stock höher zeigt, hat sie sich im Brüsseler Schlachthof inspirieren lassen. So wie dort die Häute der geschlachteten Tiere für ihre Weiterverarbeitung übereinander geschichtet werden, hat auch die Künstlerin aus normalen Holzpaletten und rostigen Gittern „Altäre“ gebaut und auf sie unzählige „Häute“ geworfen, die allerdings aus vielen dünnen Schichten Wachs gemacht sind. Das im Prozess des Gerinnens die unterschiedlichsten Strukturen annimmt, die bisweilen fast landschaftlich anmuten. Manchmal sind die „Häute“ durch alte Ledergurte zusammengezurrt, andere scheinen wiederum abzurutschen. Daneben spannt die Künstlerin „Häute“ auf große rostige Gestelle, deren Patina eine poetisch morbide ist.

Im ersten Geschoß hängen zarte Zeichnungen eigenartiger Zwitterwesen aus Mensch und Pflanze und stehen vier große Kisten. Die fast wie Sarkophage daherkommen, auf denen pathetisch zelebriert mit Wachs überzogene Geweihe liegen. Die mythologische Geschichte von Aktaion, der die Göttin Diana beim Bad beobachtet und zur Strafe dafür in einen Hirsch verwandelt wird, war die Inspirationsquelle zu dieser Installation. An sie denkt der Betrachter allerdings weniger als an die Bilder von Leichenbergen in den KZs. Nebenan liegen auf Seziertischen erschreckend realistisch geformte menschliche Körper, die aufgebrochen, ausgeweidet, wie Schlachtfleisch zerstückelt sind. Der Eindruck, den Geruch von faulendem Fleisch leibhaftig wahrzunehmen, ist allerdings reine Einbildung.