Wiener Festwochen - Nachdenkliche „Civil Wars“ zum Vatertag
Wien (APA) - Von der Zukunft im Dschihad zur familiären Vergangenheitsbewältigung: Was gestern, Samstag, Abend im brut Künstlerhaus als Ause...
Wien (APA) - Von der Zukunft im Dschihad zur familiären Vergangenheitsbewältigung: Was gestern, Samstag, Abend im brut Künstlerhaus als Auseinandersetzung mit einer beunruhigenden politischen Gegenwart begonnen hatte, endete unversehens als Oral History Lecture Performance zum heutigen Vatertag. „The Civil Wars“ von Milo Rau hinterließ bei seinem Festwochen-Gastspiel einen zwiespältigen Eindruck.
Der Schweizer Theatermacher Milo Rau ist mit seinem „International Institute of Political Murder“ ein gefragter Spezialist für Irritationen und Reenactments aller Art. Ob er „Breiviks Erklärung“ oder „Die Moskauer Prozesse“ auf die Bühne bringt - immer bringt dies eine Wahrnehmungsverschiebung mit sich, aus der im besten Falle Erkenntnismöglichkeiten entstehen. „The Civil Wars“, vor einem Jahr beim Zürcher Theater Spektakel uraufgeführt, ist der erste Teil einer „Europa-Trilogie“, die kürzlich mit „The Dark Ages“ im München fortgeführt wurde und mit „Empire“ in Berlin abgeschlossen werden soll.
Rau versucht in der Europa-Trilogie, das Politische auf das Private zurückzuführen und umgekehrt. In „The Dark Ages“ blicken fünf Schauspieler aus Bosnien, Serbien, Deutschland und Russland in autobiografischen Erzählungen auf das Ende des Zweiten Weltkrieges, den Zusammenbruch der Sowjetunion und den Balkankrieg zurück. In „The Civil Wars“ sind es Franzosen und Flamen, die in einem Wohnzimmerambiente Richtung Video-Kamera erzählen, sobald sich die prunkvolle Barocktheater-Loge, die den Zuschauer eingangs empfangen hat, um die eigene Achse dreht und das eigentliche Bühnen-Setting freigibt.
„The Civil Wars“ ist ein Spiel mit falschen Fährten. Die nächste führt nach Syrien, mitten in den Bürgerkrieg. Sebastien Foucault erzählt von einem Handy-Video, das die Enthauptung eines Assad-Beamten gezeigt hatte, und auf dem plötzlich Flämisch zu hören war. Schon sind wir bei Angehörigen von jungen Gotteskriegern, die aus der westlichen Welt Richtung Osten aufgebrochen sind, und einem Vater, der unter Einsatz seines Lebens seinen Sohn von dort zurückzuholen versucht hat. Im Verlauf der nächsten zwei Stunden geht es dann weniger um die Bedrohung unserer Zivilisation und derzeitige sowie zu erwartende Bürgerkriege als um die Auseinandersetzung mit Vaterfiguren.
Karim Bel Kacem erzählt in einer tragikomischen Episode, wie er sich als 17-Jähriger eine Waffe besorgt hatte, um den tyrannischen Vater zu erschießen. Sara De Bosschere hatte einen Vater, der immer mehr in die Verwirrtheit abdriftete, und Johan Leysen (der Zwillingsbruder der früheren Festwochen-Schauspielchefin Frie Leysen) berichtet vom frühen Unfalltod des Vaters und davon, wie die vier Söhne gemeinsam sein Erbe weiterzutragen hatten. Während die Brüder dessen Energie, Intelligenz und Charisma geerbt hatten, sei für ihn nur noch sein Charme übrig geblieben, erzählt er lächelnd. Dass er davon aber eine recht große Portion mitbekommen hatte, beweist er u.a. mit entzückenden Anekdoten der Dreharbeiten zu „Je vous salue, Marie“ von Jean-Luc Godard.
So fügt der ruhige, konzentrierte und schlichte Abend persönliche Biografien berührend aneinander, ohne sie zuzuspitzen - unprätentiös, unaufgeregt, aber in der Zielrichtung wohl auch unpräzise. Für die Frage „Woher kommen wir?“ liefert „The Civil Wars“ durchaus einige Anhaltspunkte. Die Frage „Wohin gehen wir?“ lässt sich dagegen noch nicht beantworten.
(S E R V I C E - „The Civil Wars“, Konzept, Text und Inszenierung: Milo Rau, Text und Spiel: Karim Bel Kacem, Sara De Bosschere, Sébastien Foucault, Johan Leysen, Recherche und Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy, Bühne und Kostüme: Anton Lukas, Kamera und Video: Marc Stephan. Gastspiel des International Institute of Political Murder bei den Wiener Festwochen im brut Künstlerhaus. In französischer und flämischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Weitere Vorstellungen: 14. und 15.6., 20 Uhr, Publikumsgespräch heute im Anschluss an die Vorstellung, www.festwochen.at)
(B I L D A V I S O - Pressebilder stehen im Pressebereich von www.festwochen.at zum Download bereit.)