Kunst

Anatomien des Gefühls

Wächserne Schöne mit geöffneter Brust: Fotografie aus der Serie „Adam & Venus“, zu sehen bei Thoman.
© Carmen Brucic

Carmen Brucic dichtet barocken Anatomie-Modellen eine betörende Liebesgeschichte an.

Von Ivona Jelcic

Innsbruck –In „Farabeuf oder die Chronik eines Augenblicks“, dem ersten, 1965 veröffentlichten Roman des mexikanischen Avantgardisten Salvador Elizondo, nimmt die messerscharfe Präzisionsarbeit eines Chirurgen morbid-erotische Dimensionen an. Die Liaison von Lust und Tod kann aber logischerweise nur für den Moment des Sterbens gelten, was Elizondos Roman auch zum literarischen Experiment über die Erinnerung und den sprachlichen Zugriff auf den Augenblick macht.

Galerie Thoman, Maria-Theresien-Straße 34, Innsbruck, bis 29. August; Dienstag bis Freitag 12—18, Samstag 10—15 Uhr.

Man begegnet Passagen aus „Farabeuf“ in der aktuellen Ausstellung von Carmen Brucic in der Galerie Thoman, sie sind die „Zwischenschnitte“ in einer fast szenischen Inszenierung aus Fotografien, die die aus Gnadenwald stammende Künstlerin im Wiener Josephinum gemacht hat. Und die ihrerseits das Verhältnis von Wissenschaft und ästhetischer Verführung untersuchen.

Wobei dieses Verhältnis ja nicht nur in der Gegenwart eifrig gepflegt wird, sondern auch eine historische Tradition hat: Leonardo Da Vinci sezierte Leichen, um die Anatomie des menschlichen Körpers zu studieren, Rembrandts „Die Anatomie des Dr. Tulp“ zeigt eine Anatomie-Vorführung des 17. Jahrhunderts. Und auch von wissenschaftlicher Seite her griff man stets gern auf die Fertigkeiten von Künstlern zurück: Sie waren neben Anatomen, Modelleuren und unterschiedlichsten Handwerkern etwa auch an der Herstellung jener lebensechten anatomischen Wachsmodelle beteiligt, die im 18. Jahrhundert in italienischen Werkstätten für die physikalischen Kabinette aufgeklärter Fürsten entstanden. Und die Joseph II. auch für seine medizinisch-chirurgische Akademie in Auftrag gab. Die aus rund 1200 Wachsmodellen, darunter 16 Ganzkörpermodelle, bestehende Sammlung des Josephinums ist weltberühmt.

Die Schönheit und anatomische Präzision, die detailliert ausgearbeiteten Muskeln, Nerven, Adern und Farbgebungen der wächsernen Toten verlangte freilich auch nach einer adäquaten Präsentation: In kostbaren Glasvitrinen und auf seidene Laken gebettet fand auch Brucic die Modelle vor, als sie das Josephinum mit der Kamera besucht hat. Und sich in ihrem Kopf „eine Liebesgeschichte“ zwischen „Adam & Venus“, so der Titel der Schau, entsponnen hat: Sie mündet, angelegt als sich gegenüberliegende Abfolgen von sowohl analog als auch digital fotografierten Porträts und Detailaufnahmen der beiden Protagonisten, im Modell eines Herzens unter einem Glassturz.

Wozu zu erwähnen ist, dass Brucic mit Herzpatienten auch auf anderer Ebene vertraut ist: Mit „Lovepangs“ veranstaltete sie 2001 zusammen mit Jeanette Müller einen Kongress für Liebeskranke in Berlin, das künstlerische Abtasten emotionaler Regungen – etwa in Projekten über Mut und Abschiede – ist ein wiederkehrendes Thema, umgesetzt auch mit theatralen und performativen Elementen.

Hier genügt freilich die Andichtung eines emotionalen Verhältnisses, das sich wie ein Seufzer über freigelegte Nervenbahnen, entnommene Organen und aufgeklappte Brustkörben legt. Und Emotion wie auch Erinnerung zur schaurig-schönen Projektion macht.

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