Motel: Freiräume geografisch verortet

Wer im „Motel“ am Südring eincheckt, bekommt Subkultur frei Haus. Ein verfallenes Fabriksgelände wurde zweckentfremdet und temporär frei zugänglich gemacht. Gefeiert wird mit einem feinen Musik-Festival.

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© Benni Gerull

Von Silvana Resch

Innsbruck –Der Trend zur Privatisierung scheint nicht aufzuhalten, das gilt auch für den öffentlichen Raum. Gentrifizierung ist in einer Stadt wie Innsbruck freilich kein Problem, hier sind bereits, so scheint es, alle Immobilien hochwertig. Zwischen der Hauptverkehrsachse Südring und Pechepark entstehen derzeit etwa „attraktive Wohn- und Geschäftsflächen“, wie der Bauträger auf Plakaten informiert. Nur wenige Meter in Luftlinie entfernt, schräg gegenüber in der Graßmayrstraße 23, hat vergangenen September indes das Motel eröffnet, ein subkultureller Freiraum auf einem 1100 Quadratmetern großen Areal – in „Innenstadtlage“, wie auf den Plakaten gegenüber zu lesen ist. Verkehrsgetöse trennt hochwertige Immobilie von minderwertiger, denn hier, auf Motel-Areal, werden sich nach dem geplanten Ausbau der Graßmayrkreuzung nichts als noch mehr Autos in den Verkehrsfluss einreihen.

Bis dahin, das heißt vorerst bis 15. Oktober, hat sich der Verein Brache in diesem ehemaligen Metallhandelsareal eingemietet.

„Zwischennutzung“ lautet das Schlagwort, unter dem hier ein Ort geschaffen wurde, der Innsbrucker an alte Haus-am-Hafen-Zeiten erinnern soll. Das heißt, lange bevor man mit diesem Namen ein kommerzielles Veranstaltungszentrum verband. Denn von 1989 bis 1993 schlug auf diesem weitflächigen Gelände im Westen der Stadt das Herz der Tiroler Subkultur. Das Haus am Hafen, auch Haven genannt, war Konzertsaal, Proberaum, Atelier und Wohnung in einem. Ein suburbaner Spielraum mit alter Fabrikshalle und verwildertem Garten. Ein Platz, wie er der Stadt seitdem fehlt.

Vinzenz Mell und Paul Klumpner vom Verein Brache waren zu dieser Zeit zwar noch nicht im Land, sie erinnern im TT-Gespräch aber dennoch an den Haven. Denn die beiden Deutschen, die vor zwölf Jahren zum Geografiestudium nach Innsbruck kamen, wollen mit ihrem bereits zweiten Projekt an ebensolche urbane Traditionen anknüpfen. Einen Ort für das Motel haben sie nach ihrem ersten Projekt „Öl“ – bei dem vergangenes Jahr Party auf Diskurs traf – nicht von ungefähr in Wilten gesucht. „Wir haben bereits als Studenten hier gewohnt, hier gibt es einen gewissen Spirit, hier gibt es verschiedene Initiativen, zum Beispiel auch den Wiltener Kultursommer“, so Klumpner. Die verschiedenen, hier ansässigen Subkulturen zu vernetzen, ist ein weiteres Ziel ihres im Rahmen der Stadt_Potenziale und TKI open geförderten Projektes „Input/Output Wilten“ mit Hauptzentrale Motel. Für Herbst ist hier ein „Tag des offenen Stadtteils“ geplant, bei dem insbesondere auf den Austausch mit der Nachbarschaft gesetzt wird. Beim „Motel Talk“ soll schließlich die Stadtentwicklung zum Thema werden.

Das Motel selbst versteht sich als Bühne für verschiedenste Veranstaltungen, von Ausstellungen bis hin zu Lesungen, „über interessante Zusammenarbeit“ freue man sich immer, heißt es in einem Flyer. Verschiedene Gruppen haben hier bereits Quartier bezogen, so etwa die Kooperation „Foodcoop“, die auf Vereinsbasis lokale Bio­lebensmittel unter ihren Mitgliedern verteilt, oder das Architekturkollektiv Krater Fajan. Die Gruppe baut für das Festival „Grand Motel“ nicht nur die Openair-Bühne, sondern wird auch den Hof mit einer temporären Installation bespielen. Am Samstag wird zu diesem großen Sommerevent geladen, bei dem sich das Motel mit kleinen Essens- und Marktständen als Treffpunkt und Rundumversorger präsentiert. So ist auch die Eröffnung des Ausstellungsraumes „Pink Gallery“ für diesen Tag angesetzt. Musikalisch wird mit dem Grand Motel Festival ein hübscher Mix geboten. Zum feinen Line-up zählen etwa Pollyester, das elegante Elektro-Pop-Projekt um die Münchner Sängerin Polina Lapkovskaja oder der österreichische Rapper Monobrother.

Die Projekte Öl und Motel tragen ebenso wie das Festival nicht zuletzt auch die Handschrift von DJ Hannes Baumann, seit jeher Garant für geschmackssichere Partyunterhaltung. Die Wetterprognosen für Samstag stimmen indes zuversichtlich. Bei Regen werden Planen gespannt.


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