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„Museum der Gefühle“: Tino Sehgals flüchtige Schau in Berlin

Berlin (APA/dpa) - Einen Katalog wird man vergeblich suchen, auch ein Plakat oder Schilder: Tino Sehgal kann bei seinen Ausstellungen mit de...

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Berlin (APA/dpa) - Einen Katalog wird man vergeblich suchen, auch ein Plakat oder Schilder: Tino Sehgal kann bei seinen Ausstellungen mit dem gängigen Museumsangebot nicht dienen. Stattdessen: Küssende Paare, Tänzer in Zeitlupe, Stimmen im Dunkeln. Den Deutsch-Briten interessieren keine traditionellen Ausstellungen mit Objekten, es geht bei Sehgal um menschliche Begegnungen, die sich im Augenblick erfüllen.

Mit seinen „Situationen“ hat sich Sehgal einen internationalen Ruf erworben, seine Arbeiten wurden im New Yorker Guggenheim Museum und der Londoner Tate Gallery gezeigt. Von diesem Sonntag an (bis 8. August) sind fünf davon im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen.

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Seit den 90er-Jahren interessiere er sich für Mischformen des Theaters, berichtete er. Sehgal (Jahrgang 1976) tauchte in die Berliner Kunstszene ein, orientierte sich an den Arbeiten von Einar Schleef und Christoph Schlingensief. Bald wurde er zum Shootingstar der Szene, konnte auf allen Kontinenten ausstellen. 2013 wurde er auf der 55. Biennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen als bester Künstler ausgezeichnet.

Gleich im Lichthof des Gropius-Baus rekeln sich zwei Paare auf dem Steinboden, später kommen andere Laiendarsteller dazu, sie stimmen in einen Gesang ein, die Besucher reagieren zwischen verlegen und neugierig, einige singen mit und es hallt wie in einer Kathedrale. Bald löst sich die Szene auf, Sehgals Leute ziehen sich zurück, ein Paar bleibt tief umschlungen mitten im Raum zurück. Applaus.

Von diesen Szene wird später nicht viel mehr übrig bleiben als eine Erinnerung. Sehgal erlaubt weder Fotos noch Videos. Tatsächlich hält der in Berlin Lebende nicht viel von Museen und seinen Werken. Er nennt die Kunsttempel „Verhaltensformungsmaschinen“, Institutionen, die dazu da seien, gutes Benehmen zu erzwingen. Bei Sehgal tritt der Besucher realen Menschen gegenüber, die manchmal auch Fragen stellen. Sie alle folgen einer lose festgelegten Choreografie.

Zum Beispiel Ann Lee, eine von den Franzosen Philippe Parreno und Pierre Huyghe geschaffene Manga-Figur, die Sehgal zu menschlichem Leben erweckt. Zwei junge Mädchen spielen die Gestalt im Wechsel wie kleine Roboter und verwicklen die Zuhörer in ein etwa zehn Minuten langes Frage-und-Antwort-Spiel. In einem weiteren, stockdunklen Saal sollen die Besucher verleitet werden, dem Gesang der Darsteller zu lauschen.

Die Mischung aus Sparsamkeit und Bewegung dürfte auch mit Sehgals Biografie zu tun haben. Von seinem Elternhaus in Sindelfingen habe er die Produktionsstandorte der schwäbischen Industrie-Giganten gesehen. Aus dieser Zeit stamme wohl seine Sehnsucht nach einem Leben ohne Materie. Doch der Sohn eines indischen IBM-Ingenieurs und einer deutschen Mutter studierte zunächst Volkswirtschaft und Tanz - ein konsequenter Weg.


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