Conchitas Songwriter: Ein schwarzes Schaf in der Nebenrolle

Alle reden über Conchita, aber niemand spricht über ihre Musik. Zu Unrecht, findet ihr Tiroler Songwriter Sebastian Arman im TT-Gespräch.

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Conchitas Debüt „Conchita“ schaffte es auf Platz eins der Ö3-Albumcharts und erreichte Platin.
© dpa/Steffen

Von Silvana Resch

Innsbruck – Der internationale Hype überdauert den Song Contest, wohl sehr zur Überraschung vieler Österreicher. Selbst über die punktelose Heimniederlage der Makemakes in Wien schwebte Conchita drüber. Die Kunstfigur, die sich mittlerweile lieber ohne ihren Nachnamen Wurst anreden lässt, hat es nun auch auf das Cover des deutschsprachigen Musikmagazins Rolling Stone geschafft – die TT berichtete. Doch nicht einmal dort ging es um die Musik. Fünf Seiten über die Sängerin – betitelt mit „Geschlecht war gestern“ – finden sich in der aktuellen Ausgabe, gerade mal zwei Sätze davon entfallen auf ihr Debütalbum „Conchita“. Das Fazit des Rolling Stone: „Internationaler Standard-Mainstream halt.“

Dieser „Standard-Mainstream“ geht unter anderem auf die Kappe von Sebastian Arman. Der in Innsbruck aufgewachsene Songwriter hat den ESC-Siegertitel „Rise like a Phoenix“ produziert und einige Songs für das Debütalbum komponiert, so etwa die Single „Heroes“, „Firestorm“ oder „Colours of your Love“. Doch selbst Arman tut sich im TT-Gespräch zunächst schwer, über seine Songs zu reden.

Warum spielt Musik bei Conchita eine Nebenrolle?

Sebastian Arman schreibt Songs für Conchita Wurst, Tokio Hotel, aber auch für Rapper wie den US-Künstler Redman.
© Raimund Appel

Sebastian Arman: Sie ist ein Gesamtkunstwerk, es gibt ja manchmal diese Erscheinungen in der Popkultur, die größer sind als die Musik, das ist ja auch legitim. Man muss Conchita nicht auf die Musik reduzieren, weil sie auch in der Mode wegweisend ist. Sie ist die Erste, die als Dragqueen in Haute-Couture-Kleidern kam oder einfach nur schlicht angezogen ist.

Das Album, an dem sie kräftig mitgewirkt haben, spannt einen Bogen von Power-Ballade über Latin bis zu Musical. Muss die Musik in gewisser Weise verwechselbar klingen, weil die Figur selbst so stark polarisiert?

Arman: Ich finde nicht, dass die Musik verwechselbar ist, aber freilich kann man es nicht jedem recht machen. Die Platte ist ziemlich bunt, die vielen Seiten von Conchita finden darauf musikalisch ihren Ausdruck. Eine Nummer, die die Leute oft nicht ganz verstehen und was der Rolling Stone wohl auch mit „Discopoptrash“ meinte, ist „Firestorm“. Die hat so ein House-Piano drinnen, das ist eine Hommage an Madonnas „Vogue“. Da wird bewusst mit diesem 1990er-Jahre-Ding gespielt. Vielleicht versteht man das in Österreich noch nicht so richtig, in England sind die 90er aber wieder sehr populär.

Der Musikjournalist Simon Reynolds hat in seinem Buch „Retromania“ einen Stillstand in der Popmusik festgestellt, es werde nur noch recycled. Sie schreiben für verschiedene Musiker verschiedener Genres. Mangelt es der Branche tatsächlich an Originalität?

Arman: Es fühlt sich nicht so an. Ich glaube, die Leute haben schon immer irgendwo geklaut, die Stones vom Blues, die Beatles von den Stones, der ganze Rock’n’Roll baut auf Schwarze Musik auf. Reynolds Aussage ist vereinfacht, es passieren dauernd innovative Sachen. Auf dem Album „Conchita“ fängt „Colours of your Love“ etwa als Ballade an und wird dann ziemlich hart, was man sich so nicht erwarten würde. Bei Conchita darf vieles sein.

Sie arbeiten derzeit an neuen Nummern für die Künstlerin. Wie läuft der Kompositionsprozess?

Steckbrief

Sebastian Arman wurde am 9. September 1983 in München in eine britische Musikerfamilie geboren. Sein Vater ist Dirigent Howard Arman, Mutter Stella war Sopranistin und arbeitet als Gesangscoach. Arman, der mit drei Jahren nach Innsbruck kam, lernte Klavier, Posaune und Trompete und stieg 1999 bei der Innsbrucker Rap-Reggae-Formation IBK Tribe ein. Vor zehn Jahren übersiedelte Arman nach Wien und arbeitet als Songschreiber und Musikproduzent.

Arman: Ich habe noch einen Songwriting-Partner in Amerika, Joacim Persson, mit dem ich viel für „Conchita“ geschrieben habe. Ich fliege regelmäßig für ein paar Monate nach Los Angeles und wir versuchen, so viel wie möglich zu schreiben. Hier in Wien sitzen wir oft zu zweit oder zu dritt da, manchmal auch mit Conchita und machen Brainstorming. Meist beginnt es auf dem Klavier oder der Gitarre, manchmal habe ich davor ein Instrumental geschrieben, es ist immer verschieden. Vor allem beim Text haben wir uns sehr genau überlegt, was zu Conchita passen würde. Auch, dass es diese schönen, großen Melodiebögen gibt, ist bewusst gewählt, das ist ein Stilelement, das immer wieder eingesetzt wird. Beim Komponieren sind die Grenzen oft fließend. Wer in welchem Moment die Melodien macht, wer den Refrain schreibt, das geht alles ineinander über.

Sie selbst sind vor gut 15 Jahren bei der Innsbrucker Hip-Hop-Formation IBK Tribe als Rapper und Sänger eingestiegen. Wird da auch an neuen Liedern gearbeitet?

Arman: Wir haben vor Kurzem gerade unseren jährlichen Innsbruck-Auftritt gehabt. Irgendwer bucht uns immer noch. Und alle unsere Fans waren da, alle beide. (lacht) Wir produzieren jedes Jahr zwei, drei neue Songs.

Wie wurden Sie zum Songwriter?

Arman: Ich habe immer schon Hip-Hop-Beats gebastelt, erst nur für Österreicher, dann auch für Jamaikaner. IBK Tribe ist für mich immer so nebenbei gelaufen. Was die Instrumentals anbelangt, war ich schon immer auf der poppigen Seite. Das ist dann ausgeartet und ich dachte, vielleicht sollte ich mal probieren, Popmusik zu machen. Es war spannend, aus dem Hip-Hop-Loop auszubrechen. Für mich war es schön, an einer Songstruktur zu arbeiten. Die Frage, wie man eine gute Melodie aufbaut, das heißt, wo kommt eine Bridge, Strophe und der Refrain. Die Genres finde ich dabei nicht so wichtig.

Der deutsche Musikwissenschafter Volker Kramarz schreibt in seinem Buch „Die Pop Formeln“, alle relevanten Hits ließen sich auf nur 12 Formeln runterbrechen. Kann man Songwriting denn lernen?

Arman: Ich lerne eigentlich immer noch viel. Wie ein Maler immer an seiner Technik feilt, ist auch das Songwriting ein Handwerk.

Sie haben schon Hunderte Lieder, unter anderem für Tokio Hotel, die US-Sängerin Ashley Tisdale oder den Rapper Redman, geschrieben. Wie viel Herzblut steckt da drin?

Arman: Es ist schon immer viel Emotion dabei. Auch wenn man für jemand anderen schreibt, ist es doch immer eine persönliche Sache. Ich freue mich immer sehr, wenn mir jemand eine Nachricht schickt, dass ein Lied ihm über eine schwierige Zeit geholfen hat oder durch das Studium begleitet hat.

Ihr Vater ist Dirigent Howard Arman, der von 1991 bis 1996 die Festwochen der Alten Musik leitete. Wie sieht die Familie Ihren Werdegang?

Arman: Es gibt niemanden bei uns, der kein Instrument in der Hand hält. Ich bin in der Familie das schwarze Schaf, weil ich nicht Klassik oder Jazz mache. Mittlerweile haben sich meine Eltern aber ganz gut damit abgefunden und sind auch ein bisschen stolz, glaube ich.


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