Von Meisterhand zum Kurvenrand

Mit dem Spyder krönt Porsche das Boxster-Angebot: Der Mittelmotorsportler ist noch etwas schneller, noch etwas kurvenagiler, noch etwas technisch durchdachter als die ohnehin schon gut gebaute Basis.

Ab Mitte September wird der 375 PS starke Boxster Spyder ausgeliefert, der Basispreis beläuft sich auf 100.781 Euro. Erkennbar ist das Modell unter anderem an den beiden Höckern hinten, Streamliner genannt.
© Hersteller

Von Markus Höscheler

Montecatini Terme –Da braut sich was zusammen im Porsche-Gefüge, wenn es um die nächsten beiden großen Überarbeitungswellen geht, die heuer und im nächsten Jahr erfolgen. Die erste betrifft den 911 Carrera, die zweite den Boxster/Cayman. Im einen Fall geht es um die flächendeckende Einführung von Turbomotoren, also den zunehmenden Verzicht auf den Einbau von klassischen Saugern. Im zweiten Fall liebäugelt die Sportwagenfabrik mit der Installation von Vierzylinder-Triebwerken, auch hier droht den Sechszylinder-Saugern das Aus, alles einzig und allein wegen der zunehmend schärfer werdenden CO2-Emissionsbestimmungen.

Noch ist es nicht so weit, noch feilen manche Unternehmensingenieure an konventionellen, nicht künstlich beatmeten Aggregaten, um dem einen oder anderen Porsche-Derivat eine Leistungsspritze zu verpassen. Jüngstes Produkt dieser Bemühungen ist der Boxster Spyder, Inhaber eines 3,8-Liter-Sechszylinder-Boxerbenziners, der 375 PS leistet und ein maximales Drehmoment von 420 Newtonmetern zwischen 4750 und 6000 Umdrehungen je Minute entwickelt. Die Leistungsdaten kollidieren mit einem nur 1315 Kilogramm schweren Fahrzeug, dem leichtesten Sportwagen der Boxster-Reihe.

Die bisherige Beschreibung des neuen Mittelmotorsportlers wirft zwei Fragen auf. Erstens: Warum konstruieren die Porsche-Mitarbeiter so ein Modell? Zweitens: Was haben sie gemacht, um den Spyder auf Serienreife zu bringen?

Einfacher mutet die Bearbeitung des erstgenannten Aspekts an: Der Spyder bereitet nahezu unendlich viel Fahrspaß. Nur 4,5 Sekunden benötigt der Roadster für den Sprint von null auf 100 km/h, maximal lässt sich das Fahrzeug auf 290 km/h beschleunigen. Passend dazu arbeitet das handgeschaltete Sechsganggetriebe auf sehr kurzem Wege, eine Doppelkupplung wie in anderen Porsche-Angeboten gibt es für den Spyder nicht. Das Fahrwerk ist sehr straff abgestimmt, ein gewisses Maß an Restkomfort ist aber spürbar.

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Als Benchmark, segmentübergreifend, dürfen wir die elektromechanische Lenkung nennen, ihre Präzision und Direktheit unterstützen mit der gebotenen Vehemenz bei jener Kurvenhatz, die wir im Appenin im Grenzgebiet der Toskana und der Emilia-Romagna erfahren durften. Der Sportwagen beherrscht den zügigen Richtungswechsel so kunstvoll, dass es nur noch eine größere Kunst wäre, ihn von der Fahrbahn abzubringen. Dagegen wehren sich allerdings die eigene Vernunft und einige technische Finessen, die teilweise die zweite Frage beantworten können. Eine mechanische Sperre, Teil des Porsche-Torque-Vectoring-Systems, hilft bei der Traktion des Hecktrieblers, und das Porsche Stability Management trainiert manchen Übermut ab.

Training ist das passende Stichwort in diesem Zusammenhang, überflüssige Pfunde sind dem Boxster Spyder, zumindest ab Werk, fremd. Wer ihn bestellt, kann auf Klimaanlage und Soundanlage verzichten (muss aber nicht), außerdem gibt es ein speziell entwickeltes Leichtdach, das sich nur manuell verstauen lässt. In sechs Arbeitsschritten ist dieser Vorgang jedoch erledigt, mit Übung bleibt der Spyder-Pilot unter einer Minute beim Öffnen oder Schließen des Daches.

Angesichts seiner Ausrichtung – Zweisitzer, insgesamt 280 Liter Kofferraum, Sportfahrwerk mit 20 Millimeter Tieferlegung – und seines Preises – immerhin 100.781 Euro – wird der Boxster Spyder nicht die großen Stückzahlen erzielen. Als Imageträger verdient der mit den zwei Streamlinern im Heck besonders markant gezeichnete Roadster aber höchste Beachtung. In Kauf nehmen muss der Kunde allenfalls die 9,9 Liter Treibstoffverbrauch je 100 Kilometer und die Bereitstellung von zusätzlichem Geld für eine Burmester-Anlage (4977,24 Euro) oder für das Multimedia-Tool Porsche Communication Management (4001,92 Euro). In jedem Fall gibt es noch einmal einen richtigen Boxter-Sauger.


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