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Jose James: „Billie Holiday ist das Erste, woran ich mich erinnere“

Wien (APA) - Jose James ist keineswegs ein Neuling in seinem Fach. Vor sieben Jahren veröffentlichte der heute 37-Jährige sein Debüt und wan...

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Wien (APA) - Jose James ist keineswegs ein Neuling in seinem Fach. Vor sieben Jahren veröffentlichte der heute 37-Jährige sein Debüt und wandelt seitdem trittsicher zwischen Jazz, Soul und R‘n‘B. Aktuell verneigt er sich vor einer der größten Stimmen ihrer Zeit: Mit „Yesterday I Had The Blues“ hat er ein Billie-Holiday-Album veröffentlicht und gastierte damit am gestrigen Montag auch in der Wiener Staatsoper.

Im Vorfeld des Konzerts beim Jazz Fest Wien traf die APA den Musiker und sprach mit ihm nicht nur über den Einfluss, den die Lady Day genannte Interpretin auf sein Schaffen hat, sondern auch früheste Kindheitserinnerungen und seinen Bezug zur Klassik.

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APA: Was bedeutet die Musik von Billie Holiday für Sie?

Jose James: Da gibt es verschiedene Ebenen. Während ich dieses Projekt gemacht habe, wurde mir plötzlich klar, dass sie das Erste ist, woran ich mich erinnere. Das meine ich ganz wörtlich. Ich war wohl etwa drei Jahre alt und saß auf dem Fußboden vor der Plattensammlung meiner Mutter und habe Billie Holiday gesehen. Ich weiß noch, dass nur auf diesem Album ein Schwarz-Weiß-Foto war, alle anderen waren in Farbe. Das ist wohl typisch für ein Kind, dass man davon angezogen wird. Wie wenn bei einem Bund Bananen eine grüne dabei ist: Warum ist die grün? (lacht) Und da war sie also, mit der Blume im Haar, den Blick zur Seite gerichtet. Natürlich war ich von dieser Stimme angetan, als meine Mutter mit die Platte vorspielte. Später wurde sie für mich wichtig, da ich jemanden im Jazz finden wollte, der echt ist. Außerdem war sie eine unglaubliche Persönlichkeit - sehr radikal, bisexuell, eine Feministin. Sie hat sich von niemandem unterkriegen lassen.

APA: Sie haben einmal gesagt, dass Sie das Gefühl haben, Billie Holiday sei immer noch unterschätzt...

James: Ja. Die Leuten bezeichnen sie zwar als eine der besten Jazzsängerinnen aller Zeiten. Aber sogar dieses Statement wird ihrer Bedeutung nicht wirklich gerecht. Das wäre, als ob man Miles Davis als besten Trompeter bezeichnen würde. So etwas sagt aber niemand. Er ist Miles Davis - Bandleader, Komponist, Visionär! Mir wurde immer deutlicher bewusst, dass wir über weibliche Künstler nicht in der selben Art sprechen, wie über männliche Künstler. Picasso, Miles, Coltrane oder Dylan - da redet man selten über ihre Beziehungen, über Abhängigkeiten oder solche Sachen, während das beispielsweise bei Amy Winehouse so im Vordergrund stand. Da heißt es dann: Oh, was für eine Tragödie, dieses talentierte Mädchen. Und bei Billie ist es auch so: Wir sprechen zu selten über sie als Songschreiberin oder wie sie Rassengrenzen überwunden hat. Aber ich glaube, wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, an dem wir sie neu bewerten können.

APA: Sie haben bereits zuvor Stücke von Holiday gecovert. Was war nun anders?

James: Mein Leben! Die Songs haben sich ja nicht verändert. Aber ich bin 37, habe eine Tochter, habe geliebt und verloren, bin jetzt geschieden. Ich kann die andere Seite der Liebe auf eine neue Art und Weise verstehen. Das ist für mich ein wesentlicher Aspekt, um Billie Holidays Musik zu interpretieren - vor allem ihre Ehrlichkeit. Vorher war ich doch ein Kind, ganz naiv im Glauben, dass das Leben einfach großartig ist. Aber es gibt diesen Strang des Schmerzes, der sich durch das Leben von jedem großen Künstler zieht. Es ist die Frage, wie du damit umgehst, die dich ausmacht oder an der du zerbrichst.

APA: Die große Protestnummer „Strange Fruit“ haben Sie mit geloopter Stimme aufgenommen. Wie kam es zu dieser sehr speziellen Version?

James: Ich kann kein Tribute-Album von Billie Holiday machen ohne „Strange Fruit“. Dieses Stück ist für mich einfach einer der wichtigsten Momente der Jazzgeschichte. Aber natürlich ist es eine große Herausforderung. Die klassische Herangehensweise, einfach mit Klavierbegleitung, funktioniert bei so vielen nicht - diesen Weg wollte ich nicht gehen. Das Lied muss einfach dein Herz brechen! Aber auch mit Band oder a capella waren keine Optionen, also habe ich mit dem Loopgerät experimentiert. Und schließlich bin ich auf diese Melodie gestoßen, die auf die Arbeitslieder der Sklaven gleichermaßen Bezug nimmt wie modernen Jazz. Ich wusste, dass ich etwas Kraftvolles gefunden habe. Vor fünf Jahren habe ich es dann zum ersten Mal auf diese Weise gespielt und das ganze Publikum hat geweint - ich habe geweint!

APA: Nun treten Sie damit in der Staatsoper auf. Haben Sie besondere Erwartungen an dieses Konzert?

James: Um ehrlich zu sein, gehe ich das im Sinne des Zen an: Ich versuche, nicht darüber nachzudenken. (lacht) Und das funktioniert für mich. Es ist so, wie wenn man berühmte Leute trifft: Es ist besser, wenn man nicht weiß, dass sie berühmt sind, weil man dann einfach sagt ‚Hey, wie geht‘s?‘. Und erst im Nachhinein realisiert man es. Alles, was groß ist, versuche ich ganz normal zu behandeln. Die einzige vergleichbare Location, in der wir gespielt haben, war vielleicht das Concertgebouw in Amsterdam. Ich will nicht grübeln darüber, was so etwas bedeutet oder wer da schon aufgetreten ist. Dann kann ich es mehr genießen und meine Leistung bringen.

APA: Spielt klassische Musik in Ihrem Leben eine Rolle?

James: Absolut! Ich ging auf eine katholische Highschool, auf der wir viele Kirchenlieder gesungen, Sachen wie Vivaldi. Und mein erster Gesangslehrer kam eigentlich aus der Oper. Auch wenn das nicht meine Heimat war, gab er mit diese Technik mit und führte mich in die Welt des gesunden Singens ein. Und das war großartig, weil 20 Jahre später ich noch immer da bin. (lacht)

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - www.josejamesmusic.com)


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