Film und TV

"Planet Ottakring": Grexit im Wiener Grätzl

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Michi Riebls „Planet Ottakring“ ist der Film der Stunde. Nach der Vorpremiere heute Abend im Zeughaus-Open-Air kommt die schrille Krisenkomödie Mitte August ins Kino.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Die größte Tragödie im Kino ist immer die misslungene Komödie, weshalb aus Angst vor dem Scheitern die meisten Regisseure dieser schwierigen Gattung aus dem Weg gehen. Außerdem wird das Lachen nicht gerade mit Wertschätzung belohnt, Komödien hängt noch immer der Ruf belangloser Unterhaltung nach. Besonders beim österreichischen Filmschaffen gibt es nicht viel zu lachen, die Latte der Ernsthaftigkeit liegt zudem mit den Arbeiten von Michael Hanek­e und Ulrich Seidl ziemlich hoch. Heimische Kinogeher müssen dann schon, wollen sie lachen, den „Keller“ ihrer Abgründe aufsuchen. Dabei liegen die Komödienstoffe in Österreich buchstäblich auf der Straße.

Mike Majzen, der seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von TV-Serien (45 Folgen „SOKO Donau“) verdient, hat diese Lose-Blatt-Sammlung aus Realsatire und historischen Ereignissen aufgelesen und in ein Drehbuch für Michi Riebl verwandelt, der mit „Planet Ottakring“ sein Kinodebüt abliefert.

„Planet Ottakring“ ist die Komödie zur Krise und damit der Film der Stunde. Erzählt wird eine Geschicht­e über Ohnmacht und das Geld, „das nicht weg ist, das nur ein anderer hat“. Bei Majzen und Riebl endet der Geldfluss bei Sylvia Jahn (Susi Stach), die mit ihrem Kreditunternehmen den Menschen im sechzehnten Wiener Gemeindebezirk Existenz und Lebensfreude raubt.

Mit einer eher intimen Zere­monie wird Disko, der Pat­e von Ottakring, zu Grabe getragen. Frau Jahn führen kein­e sentimentalen Gefühl­e auf den Friedhof. Sie sucht Diskos „schwarzes Buch“, um mit notierten Außenständen endgültig die Kontrolle über das Grätzl übernehmen zu können. In ihrem Büro leckt als Gruß an Quentin Tarantin­o oder Ulrich Seidl statt einer Python ein Masochist im Latexoverall über das Glas des Terrariums. Doch Diskos Universalerbe ist der Wiener Strizzi Sammy (Michae­l Steinoche­r), der gern den hartgesottenen Gangster gibt, aber ökonomisch ständig über seinen weichen Kern stolpert. Er kümmert sich um die Nachbarn mit Migrationshintergrund, die wegen ihrer Schulden bei Frau Jahn auf keinen grünen Zweig kommen. Wenn etwas Zeit bleibt, versorgt Sammy seinen Groß­vater (Lukas Resetarits) mit Lebensmitteln. Der ehemalig­e Buchhalter ist es auch, der den Code der geheimnisvollen Zahlenkolonnen im Buch des Paten entschlüsseln kann. Der Gangster war in Wirklichkeit ein Sozialromantiker, der nach dem Vorbild des „Wunders von Wörgl“ die Armen unterstützt hat.

1932 ließ Michael Unterguggenberger, der sozialdemokratische Bürgermeister von Wörgl und ehemaliger Lokführer, Arbeitswertbestätigungen genannte Geldschein­e ausgeben, um steigender Arbeitslosigkeit und Elend zu begegnen. Die Idee hinter dieser weltweit bestaunten Parallelwährung bestand darin, das Geld ständig zirkulieren zu lassen. Wer einen Geldschein nach einem Monat bei Bauer, Bäcker oder Brauerei nicht ausgegeben hatte, musste den Schein mit einer zusätzlich gekauften Marke auf den aktuellen Wert bringen. Dieses Experiment des „Schwundgeldes“ wiederholt Sammy mit Unterstützung der deutsche­n Ökonomiestudentin Valerie (Cornelia Grösche­l) in Otta­kring, wo sich nach dem Grexit im Grätzl Handel und Handwerk erholen und das bewegende Lied von der Solidarität gesungen wird.

„Planet Ottakring“ ist natürlich ein sozialromantisches Märchen – 1933, eineinhalb Jahre nach dem Start, wurd­e das Wörgler Schwundgeld verboten – und leidet auch etwas unter der sichtbar schnellen Herstellungsmethode. Fast alle Beteiligten vor und hinter der Kamera sind im Arbeitsalltag über TV-Serien wie „CopStories“ verbunden. Aber nach Jahren des Darbens in der Wirtschafts- und Komödienkrise können Sammys Maßnahmen gegen die Ausbeutung den restlichen Kinosommer für die Lachmuskeln retten.