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Serbien hat Jahrestag von „Oluja“ zum Trauertag erklärt

Belgrad/Zagreb (APA) - Serbien hat den Jahrestag der kroatischen Militäroperation „Sturm“ (Oluja) zum nationalen Trauertag erklärt. Zum erst...

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Belgrad/Zagreb (APA) - Serbien hat den Jahrestag der kroatischen Militäroperation „Sturm“ (Oluja) zum nationalen Trauertag erklärt. Zum ersten Mal seit dem Ende des Krieges in Kroatien (1991-1995) gedenkt das Land am 5. August der Rückeroberung der selbstproklamierten Republika Srpska Krajina im Jahr 1995 auf Staatsebene. Heuer jährt sich die Militäraktion zum 20. Mal.

Nach Angaben des Belgrader Dokumentationszentrums „Veritas“ waren im Laufe der kroatischen Wiedereroberungsoperation vom 4. bis 8. August 1995 rund 220.000 Krajina-Serben aus ihren Heimen Richtung Serbien geflüchtet, die Zahl der ums Leben gekommenen und weiterhin verschollenen Zivilisten wird mit 1.853 angegeben. Der damalige Krajina-Präsident Milan Martic, der zuvor als Polizist in Knin tätig war, wurde 2008 vor dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien rechtskräftig zu 35 Jahren Haft verurteilt.

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Nach Angaben des serbischen Flüchtlingskommissariates sind in den letzten zwanzig Jahren knapp 70.000 Krajina-Serben nach Kroatien zurückgekehrt, in andere Staaten waren gut 46.000 Personen ausgewandert. Fast so viele waren als Flüchtlinge unterdessen gestorben.

Zwanzig Jahre nach dem „Sturm“ leben in Serbien weiterhin fast 2.500 Krajina-Serben, die weder Personaldokumente noch Staatsbürgerschaft besitzen. Der Staat, dessen Staatsbürgerschaft sie einst hatten - Jugoslawien - existiert längst nicht mehr. 320 Krajina-Serben wohnen derzeit in Flüchtlingsheimen, die eigentlich als Notunterkunft gedacht waren.

Der „Oluja“-Jahrestag sorgt jedes Jahr für eine Zunahme der Spannungen zwischen Belgrad und Zagreb. Heuer zog sich Kroatien zudem mit einer für 4. August geplanten Militärparade den Groll Serbiens zu. Trotz Einladung sollen Soldaten der NATO-Staaten laut Medienberichten nicht dabei sein. Einige Staaten, die zunächst an der Parade teilnehmen wollten, haben es sich später anders überlegt - nicht zuletzt wegen der diplomatischen Offensive des serbischen Außenministers Ivica Dacic. Serbien werde sorgfältig beobachten, welche Länder ihre Truppen zu der Militärparade schicken werden, ihre Teilnahme werde als „anti-serbische Position“ betrachtet werden, betonte Dacic vor geraumer Zeit.

Kurz vor dem Jahrestag zeigte sich Dacic dann versöhnlicher. Serbien werde seinerseits alles unternehmen, um die Versöhnungspolitik anzuspornen. „Sollte die Versöhnung ein unerreichbares Ziel sein, so sollten wir wenigstens in guten Beziehungen wegen der Gegenwart und der Zukunft leben“, erklärte Dacic an diesem Wochenende.

Die serbische Regierungsspitze, aber auch führende bosnisch-serbische Politiker, wollen den „Oluja“-Jahrestag am Dienstagabend in Sremska Raca an der serbisch-bosnischen Grenze, an jener Brücke gedenken, die ein Großteil der Krajina-Flüchtlinge vor 20 Jahren passierte, um nach Serbien zu gelangen. Am Tag danach soll der serbisch-orthodoxe Patriarch Irinej eine Gedenkmesse in Belgrad zelebrieren. Zu Mittag soll es ein dreiminutiges Glockengeläut in allen Belgrader Kirchen geben.

In der serbischen Gesellschaft gehen auch 20 Jahre nach der Militäroperation die Meinungen auseinander. „Vor den TV-Kameras (...) ist die serbische politische, kirchliche, kulturelle und Medienelite am lautesten, jene, die entscheidend zu ‚Oluja‘ beigetragen hatten“, stellte der damalige führende Oppositionspolitiker Vuk Draskovic dieser Tage in der Tageszeitung „Danas“ fest. Gerade diese Elite hatte laut Draskovic nämlich vor 20 Jahren die Annahme eines internationalen Plans (des Z-4-Plans, Anm.) für die friedliche Eingliederung der Krajina in Kroatien verhindert. „Wir lehnen ihn (Z-4, Anm.) entschlossen ab, so hat es uns (der serbische Präsident Slobodan) Milosevic angeordnet“, soll Martic die damaligen Botschafter der USA und Russlands in Kroatien noch kurz vor der Militäroperation informiert haben.

In Serbien sind erneut jene Kräfte und Politiker an der Macht, die vor 20 Jahren gegen den Z-4-Plan waren. Die Sozialisten von Milosevic werden nun von ihrem früheren Sprecher Dacic angeführt. Premier Aleksandar Vucic und Präsident Tomislav Nikolic waren im Sommer 1995 Spitzenfunktionäre der ultranationalistischen Serbischen Radikalen Partei des nun wegen Kriegsverbrechen angeklagten Vojislav Seselj.

Im August 1995 hatten die damaligen serbischen Behörden anfangs noch versucht, die Flüchtlinge an der Grenze zu Bosnien aufzuhalten um sie nicht nach Serbien kommen zu lassen. Später hatte das Regime von Milosevic versucht, durch die Ansiedlung von Krajina-Serben die ethnische Struktur des Kosovo, der damaligen vorwiegend albanisch-südserbischen Provinz, zu verändern. Die Aktion war am heftigen Widerstand der Flüchtlinge gescheitert.


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