Alain Claude Sulzers „Postskriptum“: Drama eines begabtes Kindes
Bern (APA/sda) - Es ist nicht die erste Verletzung, die der Schauspieler Lionel Kupfer erfährt, als er nach Hitlers Machtergreifung wegen se...
Bern (APA/sda) - Es ist nicht die erste Verletzung, die der Schauspieler Lionel Kupfer erfährt, als er nach Hitlers Machtergreifung wegen seiner jüdischen Identität von der Filmbranche jäh fallen gelassen wird. Denn schon der sechsjährige Lion hatte eine traumatische Erfahrung gemacht, wie der Leser gleich zu Beginn von „Postskriptum“, dem neuen Roman des Basler Schriftstellers Alain Claude Sulzer, erfährt.
1933 war der Filmstar und Frauenschwarm auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, als er elegant im Hotel Waldhaus in Sils Maria residierte und sich auf seine nächste Rolle vorbereitete. Doch dann kommt – ausgerechnet von seinem jugendlichen Liebhaber Eduard, der als Kunsthändler selber zum Kollaborateur werden sollte, die Kunde, dass die neue Situation in Berlin für Kupfer Ungutes verheisse.
Sulzers Roman springt später in die Nachkriegszeit vor und lässt den fiktiven Kupfer auf seine abgewürgte Karriere zurückblicken. Als Emigrant lebt er einsam in New York und kann als unbekannter Schauspieler mit deutschem Akzent nicht an seine Erfolge anknüpfen. Erst in den 1960er Jahren, als er schon über 70 ist, gelingen ihm wieder moderate Erfolge als Nebendarsteller am Broadway.
Die Geschichte Kupfers umspielt in raffinierter Weise historische Fakten von der Machtübernahme Hitlers bis zum Absturz einer Swissair-Maschine im September 1963, und seine Figur fügt sich plausibel in ein Ensemble von historischen Persönlichkeiten wie dem Regisseur Luchino Visconti oder der Schauspielerin Marlene Dietrich. Sulzer hat seinen Roman in einen gut recherchierten historischen Kontext eingebettet.
Das titelgebende Postskriptum schreibt Kupfer am Ende des Buches an den Schweizer Walter Staufer, mit dem er im Januar 1933 eine flüchtige Bekanntschaft gemacht hatte. Der unscheinbare Staufer vertritt die kontrastierende Perspektive des kleinen Mannes, der zur Dienstleistungsmaschinerie rund um die Gäste des exklusiven Hotels gehört.
Die entscheidenden Begegnungen und Berührungspunkte in den Lebensläufen von Staufer, der später Steward bei der Swissair wird, und Kupfer sind ebenso zufällig wie bemerkenswert. Sulzers Plot ist konstruiert, jedoch auf raffinierte Weise.
Kupfers Postskriptum schliesst die Klammer zum Prolog aus der Kindheit. Dort war es die Sicht des Kindes, hier ist es die Sicht des alten Mannes – auf ein Erlebnis, welches das begabte Kind traumatisierte und sein Leben für immer veränderte.
Die Offenheit, in welcher der emigrierte Schauspieler dem kleinen Schweizer Angestellten schreibt, mit dem er vor dreissig Jahren bloss ein paar schöne Stunden verbracht hatte, ist eine intime Coda, die aus der Innensicht des Protagonisten beleuchtet, was der Roman bereits durch seine Charakterisierung stilsicher demonstrierte hatte: Dass Kupfer durch seelische Not hindurch zu künstlerischer und existenzieller Tugend finden musste.
„Postskriptum“ ist ein nachdenkliches Buch, das weniger von der Handlung als von der treffenden Schilderung von Milieus und Stimmungen lebt.
Es handelt von Zeiten, in denen manchem die Erinnerung an ein paar schöne gemeinsame Tage für Jahrzehnte genügen mussten, und in denen man mit einem unausgesprochenen Gefühl der Verbundenheit Vorlieb nahm, und in denen sich ein einziges Postskriptum anschickt, die Essenz eines ganzen Lebens zu enthüllen – noch dazu in einem Brief an jemanden, der vielleicht bereits tot ist.
(Alain Claude Sulzer: „Postskriptum“. Galiani Verlag, 256 S., 20,60 Euro)
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