Nester des Widerstands für Weinkultur
Für seinen neuen Dokumentarfilm „Natural Resistance“ besucht Jonathan Nossiter Rebellen, die für die Tradition im Kino und im Wein kämpfen.
Innsbruck –Das erschreckendste Detail in Jonathan Nossiters Dokumentarfilm „Mondovino“ (2004) war der Besuch in einem Chemielabor, das für Weinbauern Rezepte für feine Weine kreiert. Für eine Million Dollar gibt es etwa einen Merlot, der sich in eine Flasche gefüllt um 50 Dollar verkaufen lässt und bei Robert M. Parker „garantiert“ stolze 90 Punkte einheimst. In dessen Weinguide werden solche Weine dann mit Sätzen wie „Die Farbe ist ein tiefes, sattes Blau-Purpurrot, das kräftige, reintönige Bukett bietet Rauch, Lakritze, Schwarzkirschen und Brombeeren“ gelobt. Mehr geht bei einem Wein gar nicht. Aber was ist in den vergangenen zehn Jahren seit Nossiters Visiten bei Weingütern in Frankreich, Italien und Kalifornien passiert?
Die Chemieindustrie hat auch bei der Herstellung von Weinen die Kontrolle übernommen, entscheidet über die Zertifikate, ohne die sich innerhalb der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten kein Tropfen mehr verkaufen lässt. In seinem neuen Film „Natural Resistance“ besucht der in Rom lebende Nossiter einige Widerstandsnester in den italienischen Provinzen Marken, Piemont und Toskana, wo sich einige Weinbauern den bürokratischen Vorgaben aus Brüssel verweigern und dafür ökonomische Nachteile in Kauf nehmen müssen, da Weine ohne die „DOC“-Banderole nicht einmal im Supermarktregal eine Chance haben.
Als Komplize setzt sich Gian Luca Farinelli, Direktor der rührigen Kinemathek von Bologna, zu den Weinbauern, denn die Probleme des Kinos lassen sich auf ähnliche Weise darstellen. Auch von Filmen wird längst eine Zertifizierung verlangt, die Globalisierung wird mit den massentauglichen Produkten auf den Leinwänden der Welt sichtbar. Mit der Verschränkung dieser beiden Kulturtechniken – der Wein wird seit 8000 Jahren gekeltert, das Kino wurde vor 120 Jahren erfunden – samt glorreichen Beispielen mit Charlie Chaplin, Pier Paolo Pasolini und Alberto Sordi gelingen Nossiter Einsichten, die hoffen lassen, solange es noch autarke Winzer und Filmemacher gibt.
Nicht ohne Humor dokumentiert Nossiter den Niedergang des Geschmackempfindens und den darauf folgenden Ausverkauf, wenn rote Pfeile in einem Landschaftspanorama auf die Eigentümer der Landgüter verweisen. Der Popsänger Sting und der Hollywoodregisseur Robert Zemeckis sind schon da. Die Eigentümer vieler berühmter Weingüter sind längst nicht mehr zu benennen, da sie nur noch für anonyme Investoren betrieben werden. (p. a.)
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