10 Jahre nach der Katastrophe

Als weite Teile Tirols im Wasser versanken

Kappl, Ortsteil Nederle, am 23. August 2005: Die Trisanna unterspülte ein Wohnhaus, es musste abgetragen werden.
© TT-Archiv

In der Nacht vom 22. auf 23. August 2005 war die Dramatik im Paznaun und in Pfunds kaum zu überbieten. In Wörgl brach ein Damm. Nicht nur ein ganzer Stadtteil ging im Innhochwasser unter.

Kappl/Pfunds/Wörgl – „Der Sesslad-, Bilder- und Diasbach gehen über, zwei Brücken sind weggerissen, die Trisanna hat den Hochwasserpegel überschritten.“ Diese Information hat der Kappler Bürgermeister Helmut Ladner am 22. August gegen 22 Uhr von Feuerwehrmännern bekommen.

Nach den extremen Niederschlägen habe die Überleitung vom Jamtal, Lorein und Fimba ins Montafon nicht mehr funktioniert. Also musste die Trisanna zusätzliche Wassermengen aufnehmen. Es war zu viel, viel zu viel. Reißende Fluten traten über die Ufer und zogen eine Spur der Verwüstung im Tal von Galtür bis Ischgl, Kappl und See.

Auch die Rosanna führte Hochwasser. Die ÖBB-Trasse der Arlbergbahn wurde unterspült, teilweise weggeschwemmt. Gleise hingen in der Luft. Bei Wiesberg wurde das Kraftwerk der Donau Chemie total zerstört.

Ladner und die Kappler Feuerwehrmänner warnten die Bewohner in den gefährdeten Häusern. 200 Einheimische, auch einige Urlauber, mussten in der Katastrophennacht evakuiert werden. Plötzlich fiel der Strom aus – das Dorf war mindestens drei Tage ohne Strom. Masten waren umgeknickt, das Handynetz war unterbrochen. „Das hat einen Ruck der Emotionen ausgelöst und die Dramatik gesteigert“, erinnert sich der Bürgermeister. „Es gab nur einen Notfunk.“

Am 23. August gegen 4 Uhr habe er sich gefragt, was noch kommt, wenn es hell wird: „Meine Sorge war, ob es Verletzte oder gar Verunglückte geben wird.“ Drei Stunden später saß er mit dem Feuerwehrkommandanten im Hubschrauber. „Der Erkundungsflug hat uns schockierende Eindrücke beschert.“

Ohne Telefon begann eine großartige Aufräum- und Hilfsaktion. Sofort wurden Bäume gefällt, um eine Behelfsbrücke am Diasbach zu legen. Verpflegung kam per Hubschrauber, heimische Firmen spendeten Jausenpakete. Sogar aus Bozen und Niederösterreich kamen Feuerwehrmänner, um in Kappl zu helfen. Schadenssumme: 16,6 Mio. Euro an privaten Objekten und an der öffentlichen Infrastruktur.

In Pfunds setzte sich in derselben Nacht die „Jahrhundert-Mure“ am Stubnerbach in Bewegung, verlegte Straßen und drang mitten ins Dorf. „Es waren mehrere Schübe“, weiß Vizebürgermeister Rupert Schuchter. Auch hier musste die Feuerwehr ab ca. 22 Uhr mit der Evakuierung der Anrainer beginnen. In Summe waren es 500 Personen.

Bürgermeister Gerhard Witting befand sich in Osttirol. In der Nacht ereilten ihn zahlreiche Anrufe am Handy. „In Summe habe ich vier Stunden telefoniert. Trotzdem konnte ich mir keine Bilder davon machen, was in Pfunds alles passiert sein soll.“ Erst als er am 23. August eintraf, musste er das volle Ausmaß der Katastrophe „schlucken“. In Zams hatte er zuvor seinen Kofferraum mit Verpflegung vollgepackt, um die Helfer versorgen zu können.

Die Mure hatte im Dorf rund 80.000 Kubikmeter Geröll, Schotter und Schlamm abgelagert. Die Straßen waren vier Meter hoch verschüttet. Bei einem Autohändler wurden Pkw mitgerissen und zerstört. In Summe waren 80 Wohn- und Wirtschaftsgebäude beschädigt, sechs Häuser wurden abgetragen.

Sämtliche verfügbaren Bagger standen früh bis spät im Einsatz, um den Schotter zu räumen. Trotzdem musste die Reschenstraße mehrere Tage unterbrochen bleiben. „Es gab alle zwei Stunden eine Einsatzleiter-Besprechung. Am 2. Tag haben wir ein Verkehrskonzept gemacht, um die Autos aus dem Dorf zu bekommen“, so der Dorfchef.

Auch eine „Fleißaufgabe“ ist laut Witting umgesetzt worden: „Wir haben 700 Tonnen Sperrmüll getrennt und 130.000 Euro an Entsorgungskosten eingespart.“ Fühlt sich Pfunds mit der neuen Geschiebesperre am Stubnerbach sicher? – Witting: „In der Sperre haben 130.000 Kubikmeter Schotter Platz. Bei Hagel sind wir trotzdem immer hellhörig.“

Land unter auch im Unterland

Was im Tiroler Oberland begann, fand im Unterland seine verhängnisvolle Fortsetzung. Der Inn schwoll an, Brücken mussten gesperrt werden. Den 23. August 2005 wird man ganz besonders in der Stadt Wörgl nie mehr vergessen. Vor allem nicht jene Hausbesitzer, deren Gebäude durch das große Inn-Hochwasser unter Wasser standen.

In Wörgl nahm das Unheil seinen Lauf, als beim Pumpwerk Gießen die Dammwand brach. Feuerwehrmänner konnten sich noch in letzter Minute retten. „Wir hatten Riesenglück“, sagte der damalige Wörgler Feuerwehrkommandant Josef Koidl, weil niemand verletzt worden war. Der hochwasserführende Inn konnte so aber einen ganzen Stadtteil überfluten. An die 800.000 Quadratmeter gingen im Flusswasser nahezu unter.

Menschen mussten mit Booten evakuiert werden, rund 150 Mitarbeiter wurden in der Spar-Zentrale in Wörgl vom Hochwasser überrascht und mussten auf dem Dach des Gebäudes ausharren und auf Hilfe warten. In Wörgl mussten rund 200 Häuser und 30 Betriebe evakuiert werden – die Gebäude wurden mehr oder weniger stark beschädigt.

Nicht nur Wörgl war betroffen: In Langkampfen standen ebenfalls 130 Häuser und fünf Betriebe unter Wasser. Bei anderen Gebäuden wurde zumindest der Keller in Mitleidenschaft gezogen. In Kirchbichl traf es 40 Häuser, in Kufstein Betriebe rund um das Postverteilerzentrum in der Münchner Straße und im Bereich der Einmündung des Sparchner Bachs. Bezirksweit wurden an die 550 Privathäuser und 60 Betriebe mit Schäden gezählt. Die Schadenssumme ging in die Millionen. Monatelang dauerte die Sanierung der Häuser und Wohnungen.

Allerdings gab es auch eine noch nie dagewesene Welle der Solidarität in den Tagen nach der Katastrophe. Hunderte Helfer kamen in die betroffenen Orte, Gastronomiebetriebe verköstigten die Arbeiter gratis.

In den Gemeinden begann daraufhin das Aufrüsten gegen das Innhochwasser. Auch in Wörgl wurde der geborstene Damm geschlossen. Neue Berechnungen im Jahre 2009 ergaben aber, dass Wörgl beim nächsten 100-jährlichen Hochwasserereignis trotz der geschlossenen Lücke überflutet werden würde.

Daher begann die Stadt bald den Bau eines Hochwasserschutzdammes zu planen. Nur dessen Errichtung spießt sich. Die Sachverständigen des Landes stehen am Standpunkt, dass die Errichtung eines Damms isoliert nicht möglich sei. Um diesen Hochwasserschutz errichten zu können, braucht es Retentionsflächen. Also Wiesen und Felder, die gezielt überschwemmt werden können, damit nicht am Unterlauf des Inns liegende Gemeinden durch das so abgeleitete Wasser gefährdet werden.

So soll ein 329 Hektar großes Gebiet zwischen Kundl und Radfeld im Fall eines hundertjährlichen Hochwassers 7,8 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen. Laut Regionalstudie Tiroler Unterland sind in Schwaz und Buch weitere drei Millionen und in Thaur 1,2 Millionen Liter vorgesehen.

Eine Einigung über Entschädigung und die weitere Vorgangsweise soll in Wasserverbänden getroffen werden. Nur weigern sich rund um Wörgl die Gemeinden Radfeld und Kundl, die Flächen zur Verfügung zu stellen. Daher wurde kürzlich auch ein Antrag der Stadt für den Hochwasserdamm von der Bezirksbehörde abgelehnt – der Grund auf einen einfachen Nenner gebracht: ohne Retentionsflächen kein Damm. Wörgl wird berufen.

Aber auch die Bevölkerung will sich das nicht länger gefallen lassen: Die Hochwasser-Initiative Wörgl hat 3000 Unterschriften für den Dammbau gesammelt und lädt Politiker (Minister Andrä Rupprechter) und die Bevölkerung am 29. August um 11 Uhr zu einem Erinnerungstreffen bei der Dammbruchstelle ein.