„Können uns jetzt alles erlauben“: Boy mit neuen Facetten im Sound
Wien (APA) - „Wir empfinden das als extremen Luxus.“ Wenn Sonja Glass und Valeska Steiner in einem Wiener Hotel sitzen und über ihre Musik s...
Wien (APA) - „Wir empfinden das als extremen Luxus.“ Wenn Sonja Glass und Valeska Steiner in einem Wiener Hotel sitzen und über ihre Musik sprechen, ist das für sie keine Selbstverständlichkeit. Als Boy hat das Duo vor vier Jahren mit der Platte „Mutual Friends“ etliche Erfolge gefeiert, nun legt man - nicht minder zwingend - nach. „We Were Here“ setzt gleichermaßen auf alte Stärken wie neue Facetten im Sound.
„Für uns fühlt es sich wie die logische Weiterentwicklung an“, betonte die Hamburger Gitarristin Glass im Interview mit der APA. „Wir haben das Album zum Teil mit den genau gleichen Instrumenten eingespielt. Wir haben die selben Bausteine, sie aber neu zusammengesetzt.“ Wo der Titeltrack als erster Teaser ein vielleicht elektronischeres Kleid für die Songs versprach, wird dies auf Albumlänge nicht eingelöst. Stattdessen ist bisweilen etwas mehr Melancholie zu spüren.
„Wo ‚Mutual Friends‘ wie eine Reise von Anfang bis Ende war, geht es hier stärker um Zwischenbereiche“, versuchte sich die gebürtige Schweizerin Steiner an einer Erklärung. „Es ist ein zwischen den Sachen sein: zwischen Tag und Nacht, zwischen verschiedenen Orten, zwischen zwei Gefühlen. Obwohl wir uns das vorher gar nicht so genau überlegt haben“, ergänzte sie. Einen Einfluss darauf hatten auch die diversen Konzertreisen, wie Glass meinte. „Musik entsteht ja aus dem, was man erlebt hat. Aus Emotionen, Geschichten, Begegnungen.“
Eins zu eins fand das etwa im Stück „Hotel“ Niederschlag. „Da geht es wirklich um Geschehnisse auf Hotelzimmern“, lachte Glass. Ansonsten seien es, wie schon zuvor, in erster Linie „persönliche Geschichten, in denen sich hoffentlich auch andere Leute wiederfinden können“, wie ihre Mitmusikerin hinzufügte. „Es geht keineswegs nur um Tourbusse oder Backstageräume - auch weil da oft gar nicht so viel passiert, wie man sich manchmal vorstellt“, schmunzelte Sängerin Steiner.
Gedanken machen sich die Musikerinnen, die sich vor knapp zehn Jahren in Hamburg kennengelernt haben, jedenfalls über die Spuren, die sie hinterlassen - wie schon der Titel suggeriert. „Der ist sicher so zu verstehen“, sagte Steiner. „Auch wenn es im Song selbst nicht so sehr darum geht, was jetzt von uns bleibt. Aber uns ist wichtig, dass wir uns die Zeit nehmen und genau hinschauen, was rauskommt. Es wäre ewig schade, würde man es nur halbherzig machen.“
Nicht zuletzt deshalb haben sich Steiner und Glass Zeit gelassen mit ihrem Nachfolgealbum. „Ganz viele haben uns ja gefragt, ob wir nebenbei noch an etwas anderem gearbeitet haben. Und wir dann so: Äh, nein!“, betonte die Gitarristin. „Es war eher eine ganz bewusste Entscheidung. Und zum Glück haben wir eine Plattenfirma, die uns keinen Druck macht, sondern uns unterstützt. So geht es nicht allen. Wir haben alle Freiheiten, die wir brauchen.“
Für ihren kreativen Output wäre eine andere Konstellation auch nicht gerade zuträglich, wie Steiner einwarf. „Ich finde das klug so. So wie wir schreiben und arbeiten, wäre es einfach fatal, müssten wir zu schnell abliefern. Einfach weil wir langsamer sind. Aber zum Glück wird es als Qualität erkannt, dass einige Dinge einfach Zeit brauchen. Es wäre auch niemandem geholfen, wenn wir nur ein halb-gutes Album schnell zusammenschustern. So können wir sagen, egal was passiert: Wir haben unser Bestes reingetan und es so gemacht, dass wir damit glücklich sind.“
Und wieder ist es das Glück, dem man im Gespräch mit Boy begegnet: Die Musikerinnen nutzen den Begriff aber keineswegs als hohle Phrase, sondern bringen glaubhaft Begeisterung und Demut rüber für das, was sie seit einigen Jahren in professionellem Rahmen machen können. „Ich bin froh, dass es uns so bewusst ist und wir uns das auch gegenseitig sagen“, bestätigte Glass. „Wenn man das nicht wertschätzt in der Sekunde, dann ist es vorbei. Wir wissen auch, dass sehr schnell alles passieren kann, in alle Richtungen. Deshalb wollen wir das genießen und nutzen.“
Führt man sich die neun Stücke von „We Were Here“ zu Gemüte - neben dem sphärischen Titelsong etwa das beschwingte „Hit My Heart“, der zarte Ohrwurm „Rivers Or Oceans“ oder das reduzierte „Flames“, das Steiner und Glass gesanglich erstmals im Duett präsentiert -, wird man schnell überzeugt, dass die Möglichkeiten trefflich ausgeschöpft wurden. Indie, Folk, Pop: Boy festzunageln ist schwer möglich, konsequent setzen sich die beiden Frauen zwischen die Stühle und machen trotz Singer-Songwriter-Gestus ihr ganz eigenes Ding.
„Beim ersten Album mussten wir noch rausfinden, wie Boy überhaupt klingt und welche Ästhetik das hat“, so Glass. „Das wissen wir jetzt. Daher können wir uns jetzt alles erlauben und haben keine Berührungsängste. Viele Träume sind schon in Erfüllung gegangen. Daher können wir jetzt schauen, was kommt. Wir sind relativ entspannt.“ Davon wird man sich bei der Herbsttour von Boy überzeugen können, die sie am 2., 3. und 4. November nach Wien, Graz und Linz führen wird.
(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)
(S E R V I C E - www.listentoboy.com)
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