„Tiroler Troja“: Mörderische Kämpfe vor 2500 Jahren
Neue archäologische Untersuchungen am Gföllbichl in Mösern untermauern die Vermutung, dass die dortige eisenzeitliche Siedlung gewaltsam zerstört wurde. Auch Überreste eines der Opfer kamen nun ans Licht.
Telfs – Am Gföllbichl bei Mösern im Gemeindegebiet von Telfs haben Innsbrucker Archäologen in den vergangenen Wochen weitere Teile einer prähistorischen Siedlung freigelegt. Die Ergebnisse der jüngsten Ausgrabungen deuten klar darauf hin, dass die eisenzeitliche Siedlung auf dem Waldhügel vor rund 2500 Jahren gewaltsam erobert und dem Erdboden gleichgemacht wurde – fast wie ein kleines „Tiroler Troja“.
Drei jeweils dreiwöchige Grabungskampagnen unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Gerhard Tomedi haben seit 2013 vielfältige Funde zutage gefördert: Bereits im Vorjahr haben die Archäologen eine bedeutende Siedlung identifiziert und eine Reihe von Pfeilspitzen gefunden, die auf eine kriegerische Auseinandersetzung hinweisen. Im Zuge der heurigen Grabung, die am 7. August zu Ende ging, stieg die Zahl der Pfeilspitzen, mit denen der Hügel offenbar beschossen wurde, auf rund 20 an – „und das auf einem begrenzten Gebiet von 15 bis 20 Quadratmetern“, wie der technische Grabungsleiter, Universitätsassistent Christoph Baur, betont.
Doch das ist nicht der einzige Hinweis auf mörderische Kämpfe: In den Überresten eines zerstörten Gebäudes stießen die Archäologen neben eindeutigen Brandspuren auch auf menschliche Skelettreste. „Die Knochen wurden nicht ordnungsgemäß bestattet, sondern einfach im Schutt liegengelassen, sie waren in alle Richtungen zerstreut“, berichtet Baur. Entdeckt wurden unter anderem ein Teil eines Unterkiefers, eines Beckens, eines Steißbeins sowie Finger- und Fußknochen und mehrere Rückenwirbel. Der Unterkiefer, so viel steht bereits fest, stammt von einem männlichen Jugendlichen – circa 13 bis 16 Jahre alt –, der um das Jahr 500 v. Chr. in den Trümmern des brennenden Hauses umgekommen sein dürfte. „Das Gebäude ist abgebrannt und eingestürzt, wir haben verkohlte Balken gefunden. Die Trümmer wurden dann offenbar systematisch nach Wertgegenständen durchsucht“, erläutert Baur. „Und danach hat man alles planiert. Anscheinend sollten das Dorf und die Erinnerung daran komplett ausgelöscht werden.“
Die Versuche, Spuren des vorgeschichtlichen Gewaltexzesses zu beseitigen, könnten darauf hindeuten, dass sich Opfer und Täter kannten. Der Überfall wurde also möglicherweise nicht von durchziehenden Horden verübt, sondern von Nachbarn.
Spannende Ergebnisse lieferte auch der zweite Grabungsbereich am Gföllbichl: Auf einer Terrasse unterhalb der Hügelkuppe gibt es laut Baur Hinweise auf einen Bestattungsplatz. Unter künstlich aufgeschütteten Steinhügeln stießen die Experten auf Mauern und Pflasterungen, die vielleicht eine Grabkammer bildeten. Menschliche Überreste sind hier allerdings noch nicht aufgetaucht.
Dafür brachten die Untersuchungen in beiden Abschnitten viele kleine, aber aussagekräftige Fundstücke ans Licht: Neben den eisernen Pfeilspitzen zählen dazu etwa Metallbruchstücke, eine Fibel (Gewandnadel), Wagenteile, ein bearbeitetes Hirschgeweih und Keramikscherben. Alle Objekte stammen aus derselben Epoche, dem Übergang der älteren zur jüngeren Eisenzeit um ca. 500 vor Christus.
Nun gehe es für die Archäologen an die detaillierte Auswertung, Restaurierung und Dokumentation der Funde, erklärt Baur, von Laboruntersuchungen bis hin zu einer Gesamtbetrachtung des Fundmaterials. Mit weiteren interessanten Aufschlüssen ist zu rechnen – und Folgeprojekte am Gföllbichl sind nicht ausgeschlossen. (TT, md)
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