Wanderin zwischen sieben Welten
Das Buch „Björk: Archives“ zur MoMA-Retrospektive über die isländische Popkünstlerin.
Von Silvana Resch
Innsbruck –Den Schmerz über die Trennung von Künstler Matthey Barney hat Björk auf ihrem Album „Vulnicura“ in die Welt hinausgeschrien, eines der schönsten und verstörendsten Trennungs-Alben der jüngeren Pop-Geschichte. Dieser Seelenstriptease wird in dem Song „Black Lake“ von einem nicht minder verstörenden Clip (Regie: Andrew Thomas Huang) begleitet. Leiden, Pein und Raserei in eiseskalter, surreal anmutender isländischer Landschaft, blaue Lavaströme ziehen sich durch schwarze Höhlen- und Felsformationen. Doch dann endlich, nach all der Selbstzerfleischung, Björks Wiedergeburt als feenhaftes Wesen. Eine verspielt und versponnene Femme Fatale mit Kindergesicht, die die Pop-Welt seit Jahrzehnten mit verschiedenen Identitäten, die sie für ihre insgesamt sieben Alben jeweils ersonnen hat, bereichert.
Das Album „Vulnicura“ sollte zeitgleich zur Björk-Retrospektive im New Yorker MoMA im März erscheinen, durch einen Leak wurde die Veröffentlichung vorgezogen. Die Installation „Black Lake“ stellte laut Klaus Biesenbach, dem deutschen Chefkurator am MoMA indes die Basis der gesamten Ausstellung dar. Das Buch „Björk: Archives“, das zur Retrospektive jüngst auch auf Deutsch erschienen ist, besteht aus fünf Booklets mit Essays, die Einleitung stammt von Biesenbach selbst, der dem Zauber der Künstlerin sichtlich erlegen ist. Die Schau wurde von der Kritik zerrissen, Björk selbst nahm freilich keinen Schaden.
Menschen, die nun zur Publikation greifen – die mehr ist als eine reine Dokumentation der Ausstellung –, müssen vom Chefkurator wohl nicht erst von Björks Ausnahmestellung in der Pop-Welt überzeugt werden – von ihrer unbändigen Experimentierfreudigkeit, von ihrer Natur- und Technikbegeisterung, von ihrem spannenden, crossmedialen Ansatz.
„Black Lake“, die Noten dazu zieren auch das schwarze Cover des Buches, ist nicht das erste Musikvideo der Isländerin, das seinen Weg ins Museum gefunden hat. Bereits Chris Cunninghams Regiearbeit zu „All is full of Love“ (1999), ein feuchter Roboter-Sextraum, wurde in den 90ern auf zahlreichen Kunstausstellungen in Dauerschleife präsentiert. Biesenbach beschreibt Björks Arbeit als Dialog zwischen populärer Kultur und bildender Kunst. Es ist ein Vergnügen, sich anhand seines Textes durch die entsprechenden YouTube-Clips zu klicken, manches wieder-, manches neu zu entdecken.
So selbstständig die Künstlerin, die bereits mit elf Jahren ihre erste Platte veröffentlichte, als Musikerin und Texterin agiert, so zielstrebig sucht sie die Zusammenarbeit mit namhaften Film- und Videokünstlern, Fotografen und Designern. In ihrem offensiv betriebenen Spiel mit dem eigenen Erscheinungsbild vermied sie jedoch stets die in der Pop-Mainstream-Kultur übliche „sexualisierte Verdinglichung des Frauenkörpers“, wie die Musikologin Nicola Dibben in ihrem Beitrag notiert. Nicht mit Feminismus, sondern mit Björks musikalischen Einflüssen befasst sich indes der New Yorker Musikkritiker Alex Ross in seinem interessanten Essay.
Die E-Mail-Korrespondenzen Björks mit dem US-Philosophen Timothy Morton erlauben schließlich recht intime Einblicke in die Gedankenwelt der Künstlerin. Mit Morton tauscht sie sich über eine objektorientierte Ontologie aus, die die Dinge in den Mittelpunkt stellt und keinen Unterschied zwischen Mensch, Tier, Pflanze oder unbelebter Materie macht – wie Björk dies seit jeher in ihrer Arbeit tut. Den poetischen Text des isländischen Dichters Sjón, der 50 Fotografien umfließt, hätte es gar nicht gebraucht, Björks Liederkosmos ist magisch genug.
Buch Klaus Biesenbach (Hg.): Björk. Archives: Eine Retrospektive. Schirmer/Mosel. 192 Seiten, 224 Abbildungen. 51,20 Euro.
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