Gestrandet im Urlaubsparadies
Am Strand von Skala Sikacamineas auf der griechischen Ferieninsel Lesbos werden täglich Hunderte Flüchtlinge an Land gespült. Sie haben für die kurze Überfahrt viel bezahlt, manche auch mit dem Leben.
Aus Lesbos: Fernando Del Berro
Zu Mittag taucht ein kleiner schwarzer Fleck zwischen der türkischen und der griechischen Küste auf. Das Mittelmeer ist ruhig. Vielleicht, weil die brütende Sonne dem Wasser die Luft nimmt. Nach wenigen Minuten werden aus dem Fleck viele Köpfe, auch das weiße Kielwasser unter dem Bug wird sichtbar. Ein Schiff taucht unter dem weiten Himmel auf. Unerwartet ändert es seine Route, als ob niemand es steuern würde, und nähert sich dann zögernd dem Strand.
Als das Schlauchboot etwa 50 Meter vom Festland entfernt ist, hebt Fouad seinen gerade erst zwei Monate alten Sohn über seinen Kopf, schwenkt ihn herum und ruft mit unendlicher Freude: „Freiheit!“ Mehrere Männer fallen in den Chor ein, werfen die Arme in die Luft und springen, getrieben von Euphorie, kopfüber ins Wasser, bevor sie an Land gehen.
Endlich Land. Endlich Europa. Jubelnd stranden täglich Tausende Flüchtlinge auf den griechischen Ferieninseln. In unsicheren Plastikbooten haben sie zuvor die wenigen Kilometer von der türkischen Küste ins griechische Urlaubsparadies zurückgelegt. Von der Türkei zu den Stränden im Norden der griechischen Insel Lesbos etwa sind es 14 Kilometer.
Ganze Familien mit Kindern und vielen Babys, älteren Menschen und Behinderten werden regelrecht an Land gespült. Eingepresst in das Orange der Rettungswesten. Schreiend. Erschöpft von der sengenden Mittagssonne. Die Lippen verbrannt vom Salz. Mit aller Kraft halten sie ihre Kinder und Habseligkeiten fest. Dehydriert. Dem Nervenzusammenbruch nahe.
Aber alle sind glücklich. Ja, im Grunde sind sie glücklich. Denn nach einigen Minuten der Bestürztheit legt sich der Hauch eines Lächelns auf ihre Gesichter. Die Tränen der Angst verwandeln sich in Tropfen der Hoffnung. Heute beginnt, oft Tausende Kilometer von der Heimat entfernt, an griechischen Stränden eine bessere Zukunft. Endlich Freiheit, endlich Sicherheit.
Mehr als 225.000 Immigranten haben den Vereinten Nationen zufolge seit Anfang 2015 die Route über das Mittelmeer nach Europa genommen. Mehr als die Hälfte von ihnen, etwa 124.000, gingen in Griechenland von Bord. Hauptsächlich auf den Inseln Lesbos, Kos, Quios, Samos und Leros. 62 Prozent der Flüchtlinge stammen aus Syrien, dem Irak, Eritrea und Afghanistan. Länder, in denen Krieg, Diktatur oder religiöser Extremismus die Einwohner zur Flucht zwingt.
„Ich weiß nicht, wer in meinem Land gegen wen Krieg führt. Ich weiß nur, dass sie sich dort jeden Tag gegenseitig umbringen“, sagt Alaan Yousef, ein 23-jähriger in Aleppo geborener Syrer, der gerade am Strand von Skala Sikacamineas (Lesbos) angekommen ist. „In Syrien haben wir die Menschlichkeit verloren. Die Menschen haben sich in Tötungsmaschinen verwandelt. Und auch wenn ich bisher mit dem Leben davongekommen bin: In Syrien zu leben ist unmöglich, weil es weder Arbeit noch Nahrungsmittel gibt. Die Wirtschaft funktioniert nicht. Deshalb bin ich geflohen.“
Alaan hat die gefährliche Überfahrt zusammen mit seiner Familie und Freunden in einem der Schlauchboote gewagt, das die Schlepper auf der türkischen Seite der Ägäis zur Verfügung stellten. „Sie kassierten 1000 Euro pro Person, 600 Euro pro Kind“, erklärt er. Es handelt sich um kleine Boote aus Plastik, an denen ein billiger Motor befestigt wird. Sie haben eine Kapazität von maximal 35 Personen. Das Risiko des Ertrinkens ist groß, weil die Schleuser darin um die 60 Personen transportieren, wodurch sich die Gewinne pro Fahrt erheblich erhöhen.
Wenn man bedenkt, dass im Schnitt täglich mindestens zwölf Boote ankommen, kann man das Geschäft erahnen, das auf Kosten der Hilflosen gemacht wird. Um die 700.000 Euro pro Tag verdienen die Schlepper allein an den Stränden in Lesbos.
Fouad, ebenfalls Syrer, kniet nieder und küsst mehrfach den Boden. Er sieht mich mit großen Augen an und erklärt mit limitiertem Englisch sein Freudengeheul: „Seit einem Jahr versuche ich, hierherzukommen“, sagt er voller Emotion und berührt mit den Händen sein Gesicht. „Es ist das dritte Mal, dass wir die Überfahrt versuchen, denn die türkische Küstenwache blockierte uns den Weg.“ Frauen umarmen sich mit feuchten Augen und vor Salzwasser triefender Kleidung.
„Wohin gehen wir jetzt?“, fragt einer der Männer. Er bewegt sich auf eine Gruppe von Freiwilligen zu, die herbeigeeilt sind, um zu helfen. Eric Kempson ist einer von ihnen. Er ist Brite und lebt seit 16 Jahren an einem der Strände, den täglich Hunderte Migranten als Tor zur Freiheit betrachten. Er bietet Wasser an und beschreibt den Weg zu einem Bus, der die Hilfesuchenden nach Mitilini bringt.
Eric und sein Netzwerk sind Freiwillige. Auf Lesbos gibt es nämlich keine Institutionen und auch fast keine NGOs, die den Geflüchteten helfen. Den Großteil der Hilfe bei der Erstaufnahme leisten Einheimische sowie Ausländer, die entweder schon auf der Insel lebten oder die als Touristen gekommen waren und sich angesichts des Dramas sofort als Helfer anboten.
„Wir sehen uns mit einer kritischen und sehr dramatischen Situation konfrontiert“, warnt Giorgos Tsarbipopulos, Hauptverantwortlicher von UNHCR in Griechenland. „Die Zahlen steigen weiter. Griechenland kann nicht allein damit fertigwerden.“ Vincent Cohetel, Vorsitzender von UNHCR in Europa, ärgert sich nicht nur über die fehlenden Ressourcen, sondern klagt auch, „dass niemand eine Lösung für diese Krise hat“. Er arbeite seit 30 Jahren für UNHCR und habe schon Flüchtlingswellen in Asien und Afrika mitgemacht, habe aber „noch nie eine so dramatische Situation erlebt, wie sie sich derzeit auf den griechischen Inseln abspielt“.
Alles weist darauf hin, dass der Flüchtlingsstrom nicht abreißt. Zumindest so lange nicht, als die Konflikte in den Heimatländern nicht bereinigt sind. Und das kann noch lange dauern.
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