Jugend im Überwachungsstaat
Aus Mirjam Mous’ Jugendbuch-Bestseller „Boy 7“ wurden zwei unterschiedliche Filme.
Innsbruck –In der Frühzeit des industrialisierten Kinos war es üblich, Studios für zwei, drei oder gar vier Sprachfassungen eines Films zu nutzen. Die Hauptdarsteller aus Deutschland, Frankreich oder England wechselten sich ab, Nebendarsteller, Komparsen und Bauten konnten bleiben. Das reduzierte die Kosten und jedes Land bekam quasi einen Originalfilm vom Fließband mit nationalen Stars.
Für die Verfilmung des Jugendbuch-Bestsellers „Boy 7“ der holländischen Autorin Mirjam Mous konnten die Redakteure deutscher und holländischer TV-Anstalten der Kommission des Media-Programms der Europäischen Union diesen Anachronismus als Experiment verkaufen. In ihrem Buch erzählt Mous von einem Polizei- und Überwachungsstaat, der talentierten, aber straffällig gewordenen Jugendlichen die Identität raubt und sie über einen implantierten Chip zu neuen kriminellen Aktivitäten lenkt.
In diese dystopische Welt wollten aber nur noch die Holländer reisen, weshalb sie sich für Budapest als Drehort entschieden, um dort der Romanvorlage zu folgen. Die in Hamburg unter der Federführung des Norddeutschen Runfunks realisierte deutsche Version wirft, vielleicht um die Empfindungen der jugendlichen Zielgruppe nicht zu verletzen, einen harmloseren Blick auf die Zukunft. Kein Polizei- oder Überwachungsstaat drangsaliert die jungen Talente, das Böse entspringt privaten Motiven und individuellen Absichten.
Sam, der vorerst anonyme Ich-Erzähler (David Kross), ist auch sich selbst ein Fremder. Ohne Erinnerung flüchtet er, als Mörder von der Polizei gejagt, durch U-Bahn-Schächte, bis er auf der Toilette eines Restaurants in einem Tagebuch die Anworten auf die offenen Fragen seiner fragilen Existenz findet. Zufällig drängt sich Lara (Emilia Schüle), die ebenso wenig von sich weiß, in dieses renovierungsbedürftige Klo. Sam liest dem Mädchen sein Tagebuch vor, das nun in Rückblenden bebildert wird. Beide waren Zöglinge der „Kooperation X“, einer luxuriösen Besserungsanstalt, die Jugendliche mit schwierigem Hintergrund für die Arbeitswelt wieder vermittelbar machen soll. Tatsächlich werden die jungen Menschen zu ferngesteuerten Robotern, die für jedes Verbrechen einsetzbar sind.
Der deutsch-türkische Regisseur Özgür Yildirim inszenierte 2008 mit Denis Moschitto und Moritz Bleibtreu den von Fatih Akin produzierten Gangsterfilm „Chico“. Diesem beachtlichen Debüt folgte 2011 der ebenfalls von Akin betreute Musikfilm „Blutzbrüdaz“. Nach diesen Talentproben wählte Yildirim die Sicherheit und dreht seither für den NDR Tatortfolgen. Wie eine Tatortfolge sieht auch sein „Boy 7“ aus. (p. a.)
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