Kunst

Die Unschärfe als Schule des Sehens

Im Kärntner Museum Liaunig hat Eva Schlegel Räume der Imagination fotografiert.
© Galerie Schmidt/Eva Schlegel

Zum 70. Forum Alpbach präsentiert die Reither Galerie Schmidt das facettenreiche Werk der in Wien lebenden Tirolerin Eva Schlegel.

Von Ivona Jelcic

Reith i. A. –Architekten gelten als besonders heikel, wenn es darum geht, ihre Bauwerke abzulichten – und wenn man sich schon nicht der klassischen Architekturfotografie bedient, so muss mindestens ein verbriefter künstlerischer Zugang den Zugriff bestimmen. So geschehen beim Kärntner Museum Liaunig, jenem kühn in der Landschaft balancierenden Kunst-Balken, mit dem sich das Wiener Büro querkraft demnächst auch auf der Architekturbiennale in Buenos Aires präsentieren wird. Man bat deshalb Eva Schlegel um Auseinandersetzung mit dem Bau, in den Fotografien der in Wien lebenden, gebürtigen Hallerin wird er zum poetischen Raum für Imagination: in dem Überlagerungen und Spiegelungen neue visuelle Ebenen ergeben, sich nüchterne Fragmente zu Ornamenten verdichten oder einzelne Strukturen wie verschwommene Nachbilder von Gesehenem zutage treten.

Das Prinzip Unschärfe und damit die gezielte Verunsicherung gewohnter Wahrnehmungsmuster bestimmt auch Schlegels Frauenpor­träts, Schriftbilder oder Landschaften. Etwa auch eine vom Sonnenaufgang gleichsam in Brand gesetzte Schneelandschaft, die neben der Liaunig-Serie zu den neuesten Arbeiten gehört, die in Reith zu sehen sind, wo Galerist Gottfried Schmidt seine alljährlich im Rahmen des Forum Alpbach eröffnete Ausstellung diesmal mit Eva Schlegel einer international gefragten Tirolerin widmet. Die auch eine raffinierte Spielerin mit unterschiedlichen Techniken ist. Wobei das Material mitunter auch ein ungeahntes Eigenleben entwickelt kann. In eine Bleiplatte regelrecht „eingefressen“ hat sich der Schriftzug „no rules of architecture for a castle in the clouds“ – von Schlegel ursprünglich mit roten Farbpigmenten auf eine Tischskulptur für die Ausstellung „Vienna for Art’s Sake!“ im Winterpalais des Prinzen Eugen gestreut. Das vermeintliche Flüchtige hat sich festgesetzt, als hätte es sich im Spiel mit dem Ephemeren, mit dem Auftauchen und Verschwinden, selbstständig gemacht.

Besonderes Gewicht bekommt das Arbeiten mit Blei, vor allem auch als Bildträger, wenn sich Schlegel mit dem Phänomen des Fliegens und Fallens auseinandersetzt: Zwischen Überwindung der Schwerkraft und dem ihr Ausgesetztsein liegen nur Nuancen, zwischen flugtauglicher Superheldin und Anzugträger im freien Fall, beide im Flugsimulator fotografiert, vielleicht auch ein Stück Vorstellungskraft. Auch in Doppelbelichtungen und Mehrfach-Projektionen auf Porträts geht es um Deformationen, Überlagerungen und Verschiebungen – nicht zuletzt auch zwischen Geschlechtern. Für eine Kunst-Mode-Strecke – übrigens lange vor der Dame namens Wurst – als hochästhetisches Porträt einer rätselhaften Schönen mit zarten Schnurrbartwuchs fotografiert.