Salzburger Festspiele - „Dido and Aeneas“ als Plädoyer für das Böse
Salzburg (APA) - Es war ein veritables Plädoyer für das Böse, in das Thomas Hengelbrock und Johanna Wokalek Henry Purcells Kurzoper „Dido un...
Salzburg (APA) - Es war ein veritables Plädoyer für das Böse, in das Thomas Hengelbrock und Johanna Wokalek Henry Purcells Kurzoper „Dido und Aeneas“ verwandelt haben. Gestern, Dienstag, Abend sorgte die halbszenische Fassung des populären Werks für ein barockes musikalisches Glanzlicht der Salzburger Festspiele. Jubel gab es vor allem für das hervorragende Balthasar-Neumann-Ensemble samt Chor.
So hört sich intensive Probenarbeit an: Hengelbrock, der mit seinem auf originale Aufführungspraxis spezialisierten Ensemble heuer das 20-jährige Bestehen feiert, hat eine ungeheure Dichte im Klang, in der Phrasierung, in der Dramaturgie erarbeitet - und eine Sicherheit, die es unter anderem ermöglichte, bei Didos einzig von Fackeln erleuchteter Sterbeszene in stockdunklem Orchestergraben zu musizieren. Kate Lindsey sorgte als tragische Königin mit ihrem selbst in der Höhe dunkl-samtigen Mezzo für Gänsehaut, ihr zur Seite überzeugten auch Benedict Nelson als Aeneas und Katja Stuber als glockenhelle Belinda.
Echter Star des Abends war allerdings der Chor. Nicht nur musikalisch die wichtigste Säule von Purcells eingängigen Melodien, machte er auch szenisch durch geschickt geschichtete Kostümierung (Florence von Gerkan), durch zarte Choreografie (Gail Skrela) und dauerhaft gehaltene Spannung in der Gruppe fast vergessen, dass der Abend als „konzertante Aufführung“ betitelt war. Die riesige Felsenreitschule mit ihrer dramatischen Steinkulisse bot zwar akustisch einen ungeeigneten, dafür optisch einen umso eindrucksvolleren Rahmen.
Nicht ganz so gelungen nahm sich die Erweiterung der nicht einmal eine Stunde langen Oper aus. Zur Hauptfigur erklärte das Ehepaar Hengelbrock/Wokalek in seiner Deutung die Sorceress, die böse Zauberin. Als Alter Ego der Dido konzipiert, ordnet sich der Plot vor allem der Zeichnung ihres Psychogramms unter. Wokalek dichtete ihrer Rolle einen langen Prolog auf den Leib, wobei sich die Schauspielerin, die auch als Sängerin mit Hexensound eine gute Figur machte, für die Texte eher frei an Giovanni Francesco Busenellos Libretto für „Didone“, an Vergils Aenaeis und an einem Nietzsche Gedicht - „Die Bösen liebend“ - bediente.
Woher kommt der Hass?, fragt die böse Zauberin - und antwortet ausschweifend. Nicht die Götter sind schuld, nicht der Krieg und das Leiden, das Böse kommt vielmehr aus dem eigenen Inneren, steigt auf in jede Zelle des Körpers, wenn man es nur lässt. Ein heilsames Gift, ein Lebenselixier der Unglücklichen, die große Lust an der Zerstörung. Dido selbst habe Aeneas vertrieben, ihre Liebe sabotiert, den eigenen Untergang bereitet. Trotz eines stimmungsvollen Vortrags: Als Kommentar zum Geschehen kommt die Textcollage lehrerhaft daher, als theatrale Erweiterung des Stücks bleibt sie schülerhaft.
Musikalisch ergänzte man um das Lamento der Hekuba aus Cavallis Oper „Didione“ und um den Schlusssatz einer Sonate von Johann Christoph Pezel. Auch dabei wollte sich nicht recht erschließen, welchen anderen Zweck als pure Ausdehnung dies erfüllen könnte. Bei aller Liebe zu einem stringenten Konzept: Eine so gelungene Darbietung des Originalwerks hätte keinerlei zusätzlicher Deutungsfloskeln bedurft.
(S E R V I C E - http://www.salzburgerfestspiele.at)
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