Brasilien - Schwellenland-Gigant mit drängenden Problemen
Brasilia (APA/AFP) - Verglichen mit anderen großen Schwellenländern schafft es Brasilien vergleichsweise selten in die Schlagzeilen der deut...
Brasilia (APA/AFP) - Verglichen mit anderen großen Schwellenländern schafft es Brasilien vergleichsweise selten in die Schlagzeilen der deutschen Wirtschaftspresse. Dabei ist der extrem rohstoffreiche Staat die siebtgrößte Volkswirtschaft der Erde und übertrifft sowohl Indien als auch Russland. Ab Mittwoch besucht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Brasilien.
Auch wirtschaftspolitische Fragen werden auf der Tagesordnung stehen. Deutsche Firmen sind seit Jahrzehnten in dem Land engagiert, das trotz erheblicher aktueller Probleme als aufstrebende Macht gilt.
In der Rangliste der deutschen Außenhandelspartner lag Brasilien im vergangenen Jahr nach Informationen des Statistischen Bundesamts beim Export an 23. und beim Import an 22. Stelle. Hiesige Unternehmen exportierten Waren im Wert von 10,4 Mrd. Euro, darunter Autos, Maschinen und pharmazeutische Produkte. Die Importe im Wert von 9,2 Mrd. Euro entfielen vor allem auf Kaffee, Eisenerz, Soja, Kupfer, Rohöl und Flugzeuge.
Die tatsächliche Bedeutung Brasiliens für die deutsche Wirtschaft spiegelt sich nach Angaben des Auswärtigen Amts in der Außenhandelsstatistik allerdings nicht vollständig wider. Zahlreiche Unternehmen sind dort teils bereits seit langem mit Tochterunternehmen aktiv, weshalb die von ihnen umgesetzten Waren konzernintern abgerechnet werden. Paradebeispiel sind die großen Autohersteller.
Die in den 50er-Jahren gegründete Brasilien-Tochter von VW ist nach eigenen Angaben der größte inländische Autohersteller und eines der größten Privatunternehmen des Landes. Volkswagen do Brasil beschäftigt in vier Werken 20.000 Menschen und baute schon mehr als 22 Millionen Autos für den südamerikanischen Markt - darunter spezielle Schwellenländer-Modelle wie den Gol.
Schätzungen zufolge tragen deutsche Firmen insgesamt etwa zehn Prozent zum industriellen Bruttoinlandsprodukt von Brasilien bei. Sao Paulo gilt sogar als der größte deutsche Industriestandort außerhalb der Bundesrepublik.
Derzeit bauen etliche deutsche Konzerne ihre Präsenz in Brasilien aus: Vor zwei Monaten weihte der Chemieriese BASF im Bundesstaat Bahia einen rund 500 Mio. Euro teuren Produktionskomplex für Grundstoffe ein, die für Babywindeln, Wandfarben und Klebstoff verwendet werden. Der Autohersteller BMW baut für rund 200 Mio. Euro einen neues Werk im südlichen Bundesstaat Santa Catarina.
Der Moment allerdings ist nicht der beste. Das lange mit robusten Wachstumsraten glänzende Land mit seinen rund 200 Millionen Einwohnern kämpft derzeit mit sich rapide eintrübenden Perspektiven. Der Preisverfall für wichtige Export-Rohstoffe wie Erdöl und Eisenerz, eine steigende Inflationsrate sowie eine schwierige innenpolitische Lage mit einem Korruptionsskandal in der Regierung und einem endlosem Ringen um Sparpakete lasten auf der Stimmung und lassen die Investitions- und Konsumneigung sinken.
Laut Weltbank wuchs das Bruttoinlandsprodukt Brasiliens im vergangenen Jahr nur noch minimal um 0,1 Prozent und könnte in diesem Jahr womöglich schrumpfen. Brasilien gilt zudem ohnehin nicht unbedingt als leichter Markt für Investoren. Bürokratische Regelungen, hohe Steuern und mangelhafte Infrastruktur machen es Firmen schwer und haben es als „custo brasil“ (brasilianische Kosten) unter Ökonomen zum geflügelten Wort gebracht. Vor allem die heimische Industrie gilt als wenig wettbewerbsfähig.
Trotz der schwierigen Situation glauben die allermeisten Beobachter bisher an eine Fortsetzung des Aufschwungs, getragen durch die Binnennachfrage und das immense Potenzial an global begehrten Rohstoffen. Aber die Sorge wächst.
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