Sexualleben

Viagra für Frauen: Kommt nach der blauen die rosa Revolution?

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Es wirkt nur wenig und auch nur bei etwa zehn Prozent der Betroffenen, aber könnte doch eine Umwälzung bedeuten: Flibanserin soll die Frustration in Millionen Betten beseitigen.

New York – Es ist die vielleicht politischste Tablette seit der Anti-Baby-Pille: In den USA kommt Flibanserin auf den Markt, besser bekannt als „Viagara für Frauen“. Doch die rosa Pille - in Deutschland erdacht, in den USA marktreif gemacht - sorgt für einen Streit, der weit über das Fachliche hinausgeht. Ein Kritikpunkt: Flibanserin, das unter dem Namen Addyi auf den Markt kommen wird, sei politisch durchgedrückt und helfe nur einem Bruchteil der Betroffenen. Das allerdings könnten Millionen sein.

Die „Pink Viagra“ könnte vielleicht tatsächlich das Leben unzähliger Frauen - und ihrer Männer - verändern, aber es ist eben doch kein Viagra. Die blaue Pille, die vor zwei Jahrzehnten die Gesellschaft veränderte, wirkt direkt auf den Körper: Sie hilft Männern, eine Erektion zu bekommen. Weil fehlendes Lustgefühl bei Männern nicht grade als gesellschaftliches Problem gilt, geht es dabei einzig um das Können, nicht das Wollen.

„Pink Viagra“ beeinflusst Wollen nicht Können

Das ist bei vielen Frauen anders. Sie haben selten oder gar keine Lust auf Sex und wenn es doch dazu kommt, empfinden sie keinen Spaß. Das belastet nicht nur die Frauen selbst, sondern auch die Männer, ja die ganze Beziehung. Oft werden solche Störungen psychotherapeutisch behandelt.

Flibanserin wird unter dem Namen Addyi verkauft.
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Nun gibt es eine Pille. Sprout Pharmaceuticals, ein kleines, extra für Flibanserin gegründetes Unternehmen aus North Carolina, hatte von der deutschen Boehringer Ingelheim das Patent übernommen, nachdem die Rheinland-Pfälzer an der US-Arzneibehörde FDA gescheitert waren. Ursprünglich sollte das Präparat gegen Depressionen helfen, die luststeigernde Wirkung fiel nebenbei auf. Das Unternehmen, für das Flibanserin der Durchbruch wäre, geht von etwa zehn Prozent aller von mangelnder Lust betroffenen Frauen aus, denen geholfen werden könnte.

Das war der FDA zunächst zu wenig und der Erfolg zu unsicher. Nach den Deutschen 2010 scheiterten 2013 auch die Amerikaner. In der Tat: In einer Studie hatten Frauen im Monat nur ein halbes bis einmal mehr Sex als die, die ein Placebo bekamen.

Sexismus als Hauptargument für die Pille

Doch auch wenn das Mittel nur für einen Bruchteil der Frauen interessant ist - weltweit könnten das Millionen sein, die womöglich Milliarden zahlen würden. Also startete Sprout eine PR-Kampagne auf allen Kanälen und nutzte geschickt ein starkes Argument: Sexismus. Für Männer gebe es gleich mehrere Lustpillen wie Viagra oder Levitra, dann müsse das auch für Frauen her. Auf die extra gegründete Kampagne „Even the Score“ (Schafft den Ausgleich!) sprangen mehrere Frauenverbände auf.

Die Kritik, dass die Zulassung einer Arznei nur von fachlichen, nicht von politischen Gesichtspunkten abhängen dürfe, verhallte: Mittlerweile hat die FDA Flibanserin zugelassen und Sprout angekündigt, das Mittel unter dem Markennamen Addyi am 17. Oktober auf den Markt zu bringen. Preis: noch unbekannt, ebenso wie mögliche Pläne für einen Markstart in Europa.

„Wir applaudieren der FDA dafür, dass sie die Stimme der Patienten in das Zentrum gerückt und den wissenschaftlichen Belegen gefolgt ist“, sagte Sprout-Chefin Cindy Whitehead. Die FDA selbst bemühte sich, ihre Kompetenz herauszustreichen. Forschungsdirektorin Janet Woodcock betonte, dass es sich um eine überprüfte Therapiemöglichkeit handele: „Die FDA ist um den Schutz und die Förderung der Gesundheit von Frauen bemüht, und wir fühlen uns verpflichtet, die Entwicklung sicherer und effektiver Präparate zu unterstützen.“

Zweifel an der Effizienz bleiben

Es gab zwar auch Fragen zur Sicherheit - wegen möglicher Nebenwirkungen wie Schwindel und Übelkeit, worüber jede zehnte Testerin klagte. Zweifel gibt es aber vor allem an der Effizienz. „Die Wirkung ist gering. Wer will guten Gewissens sagen, dass diese Pille verlässlich funktioniert?“, sagte der Sexualwissenschaftler Jakob Pastötter der dpa. „Viele Frauen werden sie mit großen Erwartungen nehmen und dann merken: Da passiert ja gar nichts.“ So könnte Addyi doch wieder ein bisschen sein wie einst Viagra: Die meisten Probleme können nicht mit einer Pille gelöst werden. (dpa, TT.com)

Sexualforscher warnen vor Hype um „Pink Viagra“

Deutsche Sexualwissenschaftler sehen die Wirkung der Tablette skeptisch. „Die Wirkung ist gering. Viele Frauen werden sie mit großen Erwartungen nehmen und dann merken: Da passiert ja gar nichts“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung, Jakob Pastötter.

„Es wird so getan, als gäbe es ein Defizit der Frau, das durch ein Medikament behoben werden könne“, sagt Vera Klein, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Ein Medikament, das in die biochemischen Prozesses des Hirns eingreift, lasse Wichtiges außer Acht: das Ineinandergreifen gesellschaftlicher, biologischer und individueller Faktoren, die Sexualität beeinflussen.

Klein und Pastötter wiesen außerdem auf Nebenwirkungen des Präparats hin. Unter anderem können Schwindelgefühle bis hin zur Ohnmacht auftreten sowie Übelkeit und Schläfrigkeit. Nimmt eine Frau zugleich hormonelle Verhütungsmittel, könnten sich die Folgen noch verstärken.